Freitag, 25. Dezember 2015

Erinnerungen an At-Ta'ir - Episode 4: Vor den Türen des Himmels



Als Elvedin und Anwar noch mit den Feinarbeiten der Käserei beschäftigt waren, setzte sich Said wieder vor das Haus. Er mochte diesen wundervollen Ausblick einfach. Weil es gegen Abend jetzt doch recht kühl wurde, hatte er sich eine Decke um die Schultern gelegt und sah zu, wie die Sonne zwischen zwei Berggipfeln versank.
Das Gespräch mit Elvedin hatte ihn zum Nachdenken gebracht. Ja, in At-Ta’ir lagen seine Wurzeln, aber vieles davon war über die Jahre in den Hintergrund getreten, manches hatte er sogar für eine gewisse Zeit vergessen. Die alltägliche, die meditative, die körperliche, die handwerkliche, die künstlerische und die geistige Ausbildung bildeten eine Einheit – in den Jahren, in denen er Fouads Leibwächter gewesen war, stand der körperliche Aspekt im Vordergrund, auch wenn er regelmäßig meditierte, um sich die Schärfe seiner Sinne zu erhalten.
Said erinnerte sich, dass es neben diesen sechs Ausbildungsteilen eigentlich noch einen siebten gegeben hatte: Die Abschlussprüfung. Dieser siebte Teil begann damit, dass seine Lehrmeister seine Ausbildung für beendet erklärten und ihm die Haare schnitten. Es war kein Radikalschnitt, er sollte ja seine erweiterten Sinne nicht wieder verlieren, aber seine Haare waren nach den langen Jahren ohne Haarschnitt wirklich verzottelt und wurden nun wieder in Form gebracht. Danach wurde er gebadet, in neue Gewänder gekleidet und an einen geheimen Ort außerhalb von At-Ta’ir gebracht. Dort geleitete man ihn zunächst in einen hellen Raum mit weitem Ausblick auf die Berge, wo er sich bei einer Tasse Tee auf die vor ihm liegenden Aufgaben vorbereiten konnte, obwohl er gar nicht so genau wusste, was ihn dort erwartete – er wusste nur, dass seine Fähigkeiten geprüft werden sollten.
Eine der Prüfungen, an die er sich mit am liebsten erinnerte, war die im Wolkenpalast – oder jedenfalls nannte er in seinen Gedanken so. Der Wolkenpalast war ein Gebäude weit oben in den Bergen, beim Aufstieg sah es so aus, als sei er von Wolken umrahmt. Direkt hinter dem Eingangstor kam man in einen überdachten Kreuzgang, der um einen weiträumigen, nach oben offenen Innenhof verlief. Kaum hatte er diesen Anblick wahrgenommen, verband man ihm die Augen und reichte ihm wortlos sein Schwert. Die Helfer entfernten sich, nun war er ganz auf sich allein gestellt. Er tastete sich vorsichtig nach vorne und versuchte sich im Geist genau vorzustellen, an welcher Stelle des Kreuzgangs er sich gerade befand. Irgendwann hatte er den Durchgang in den Innenhof gefunden und trat hinaus. Nachdem er ein paar Schritte gegangen war, zischte etwas durch die Luft. Er erhob sein Schwert und wollte schon nach dem ausholen, was da auf ihn zuflog, doch er hielt wieder inne – das war nur ein Vogel, wenn er den Flügelschlag und sein Gewicht richtig interpretierte, war es ein Falke.
Er ging weiter über das steinige Gelände und nahm als nächstes einen Duft wahr, den er nicht kannte – lieblich, süßlich, irgendwie blumig und eindeutig verlockend. Als er sich dem Duft näherte, hörte er Schritte, die sich entfernten. Er folgte ihnen, er wollte den Duft unbedingt erreichen! Auf einmal hörte er nichts mehr, aber er nahm den Duft sehr stark wahr, er musste ihn fast erreicht haben. Da hörte er jemanden atmen, und dann griff der Duft ihn an. Er war zunächst etwas verwirrt, doch dann lächelte er: Der Duft war keine rätselhafte Wolke, die vor ihm her zog, sondern er gehörte zu einer Person; wenn er raten müsste, würde er sagen, er gehörte zu einer Frau – kein Mann, den er kannte, bewegte er so leichtfüßig. Als er das erkannt hatte, fiel es ihm auch nicht schwer, den Kampf gegen seine Gegnerin zu meistern. Sie verlangte ihm einiges ab, sie war wahrlich eine Meisterin ihres Faches, aber er achtete darauf, sie nicht zu verletzen. So ein wunderbarer Duft konnte nur zu einer wunderbaren Person gehören, und dieser wollte er nicht schaden. Irgendwann zog sie sich zurück und er war wieder alleine.
Er ging weiter, und nach einer Weile hatte er den Eindruck heiligen Boden zu betreten. Er legte sein Schwert und seine Schuhe ab und ging ehrfurchtsvoll weiter. Es wurde immer stiller um ihn herum, und diese Stille senkte sich auch in sein Inneres hinein. Als er den Eindruck hatte am Ort der größten Intimität angekommen zu sein, kniete er nieder. Er spürte kalte Steinplatten unter seinen Beinen und den Rand eines Beckens direkt vor sich. Er tauchte seine Hände hinein und schnupperte an der Flüssigkeit. Sie roch gleichzeitig nach nichts und nach allem. Er lächelte. Das war Wasser! Er tauchte seine Hände abermals hinein, dankte still dem Schöpfer und trank von der Flüssigkeit. Sie schmeckte so klar und frisch wie ein junger Morgen. Und sie schien gleichzeitig die Weisheit aller Weltalter zu enthalten.
Da wurde ihm seine Augenbinde von einer Erscheinung, an die er sich später als Engel erinnerte, abgenommen. Dieser sprach zu ihm:
„Said, du hast es geschafft. Du hast dich auf diese Prüfungen gut vorbereitet, und du hast sie gemeistert. Du hast deinen Sinnen vertraut und sie gut genutzt. Du hast wertvolles Leben von bedrohlicher Gefahr unterscheiden können und das Leben geschützt. Du hast dich einer verführerischen Erscheinung gestellt, dich aber nicht so weit ablenken lassen, dass du deinen eigenen Weg verloren oder dich selbst in Gefahr begeben hättest. Und du hast die Energie des heiligen Ortes erkannt und dich dort respektvoll verhalten – und am Ende hast du die Quelle des Lebens gefunden.“
Said schwieg, denn ihm war, als würde gerade etwas ganz besonderes mit ihm geschehen. Und in der Tat, er erinnerte sich einerseits an den Weg, den er bisher gegangen war, an die einzelnen Schritte seiner Ausbildung, an deren Ende er sich jetzt befand. Und andererseits schien sich nun in seinem Inneren ein neuer Weg aufzutun.
Der Engel sprach: „Deine Ausbildung war lange und gründlich, du hast vieles gelernt und bist mit der Ausbildung zum Mann gereift. Nun ist sie zu Ende und du musst entscheiden, wohin dich dein Weg weiter führt. Wenn es dein Wille ist, dann sprich mir die folgenden Worte nach:
Ich gelobe, dass ich als Krieger von At-Ta’ir nicht dem Krieg und der Zerstörung, sondern dem Leben dienen will. Ich will jedes beseelte Lebewesen achten, das meinen Weg kreuzt, und werde sein Leben schützen. Ich werde meine Fähigkeiten nur dann einsetzen um zu töten, wenn mein Leben oder das eines mir anvertrauten Wesens bedroht ist oder ich das Fleisch eines Tieres dringend zur Ernährung brauche. Ich werde immer die Wahrheit sprechen oder schweigen, wie groß die Gefahr, in der ich stehe, auch sein mag. Ich gelobe, dass ich dem Herrn gegenüber, der meine Dienste in Anspruch nimmt, loyal sein werde und ihm verpflichtet bin bis zu meinem oder seinem Tod. Ich werde sein Leben und seinen Ruf schützen, wenn nötig durch mein eigenes Leben.“
Said hörte sich die Worte des Eides sprechen, dann schlug ihn der Engel mit einem Schwert aus Licht zum Krieger von At-Ta’ir.
Hernach schwiegen beide lange Zeit still.


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