Sonntag, 13. Dezember 2015

Erinnerungen an At-Ta'ir - Episode 3: Sich ergänzende Wege



Als die beiden Männer aus dem Ziegenstall zurückkehrten sagte Elvedin: „Said, du hast mir von der bewussten Wahrnehmung des Alltags und von deiner Meditationsausbildung erzählt. Umfasste deine Ausbildung – abgesehen vom Kampftraining – noch weitere Bereiche?“
„Oh ja, wir wurden in vielen Bereichen ausgebildet. Außer den Bereichen, die du schon genannt hast, war da zum Beispiel noch der handwerkliche Bereich. Jeder von uns musste mindestens ein Handwerk meistern und in den anderen Handwerken Grundfertigkeiten erlernen, wir sollten so selbständig wie möglich sein können.“
„Und welches ist dein Handwerk?“
„Ich habe die Schreinerei gewählt – oder sie hat mich gewählt, sie das wie du willst.“
„Du bist Schreiner?“
„Ja. Ich liebe den Holzgeruch, das Gefühl, wenn sich die Oberfläche des Holzes unter meinem Hobel und meinen Händen glättet, oder wenn ich nach und nach aus dem Holz das herausarbeite, was unter seiner Oberfläche verborgen liegt. Außerdem mag ich es wie unterschiedlich die verschiedenen Holzarten sind. Das Holz der Eiche benutze ich gerne für Dinge, die von langer Dauer und großer Stabilität sein müssen, Apfelholz für Schnitzereien.“
„Stimmt, Bäume können ganz unterschiedlich sein. Ich habe festgestellt, dass ich mich in der Nähe von Eichen ganz besonders wohl fühle.“
„Ja, das geht mir auch so. Deshalb ist mein Stab auch aus Eichenholz, so kann ich immer ein Stück meines Lieblingsbaumes an meiner Seite haben.“
„Das ist toll! Und welche Bereiche umfasste deine Ausbildung noch?“
„Da war zum einen noch das Erlernen einer Kunst. Ich habe die Musik gewählt und mir meine Flöte selbst geschnitzt, so wie sich jeder meiner Kollegen sein Instrument selbst fertigte. Ich finde es faszinierend, wie Musik Seelen berühren kann – die des Spielenden genauso wie die der Zuhörer – und wie sie mehr ausdrücken und in tiefere Bereiche vorzudringen vermag als das Worten je möglich wäre.“
„Das ist wahr. Es kommt immer wieder vor, dass wir unser Kind mit Worten kaum beruhigen können, aber wenn Anwar ihm ein Lied singt, ist alles gleich viel besser.“
„Ja, ich liebe die Wirkung, die Musik auf viele Menschen hat. Nun, als weiteren Bereich gab es dann noch unsere geistige Ausbildung.“
„Fand sie in der Bibliothek statt? Und ist sie tatsächlich so riesig wie man sagt?“
„Oh ja, eine größere habe ich nie gesehen. Gott sei Dank waren der Bibliothekar Rasim und seine Frau Kamila meistens da, ich habe mich das ein oder andere Mal in der Bibliothek verlaufen und hätte ohne ihre Hilfe nur schwer wieder herausgefunden. Und, ja, ein guter Teil der geistigen Ausbildung fand bei den beiden in der Bibliothek statt.“
„Auch bei Kamila? Ich dachte das wäre eine Schule für Jungen gewesen?“
„Das schon, aber das heißt nicht, dass wir keine Lehrerinnen gehabt hätten. Manche unserer Meister waren weiblich, und das war auch gut so. Wir sollten zwar nicht allzu sehr vom weiblichen Geschlecht abgelenkt werden – das galt insbesondere für gleichaltrige Mädchen – aber auch nicht so weltfremd aufwachsen, dass wir nicht wissen, wie man sich einer Frau gegenüber verhält. Und manche unserer Meisterinnen waren wirklich brillant, insbesondere Meisterin Kamila – sie war auch außerhalb von At-Ta’ir eine angesehene Gelehrte.“
„Was war ihr Spezialgebiet? Und was hat dich an ihr besonders beeindruckt?“
„Ich bin mir nicht sicher, ob Meisterin Kamila überhaupt ein Spezialgebiet hatte, sie interessierte sich für so viele Dinge! Was mich an ihr beeindruckt hat war sicher ihre Vielseitigkeit, aber auch ihre Fähigkeit, ihre Aufmerksamkeit voll und ganz auf ein bestimmtes Ziel zu lenken. Wenn sie sich für etwas interessiert hat, war sie nicht zufrieden, bevor sie auf ihre Frage eine Antwort gefunden hatte. Sie hat mich viel über die Kultur unserer Vorfahren gelehrt, ihre Art zu denken, Dinge zu erfinden, Gebäude zu errichten und ihr Wissen in Geschichten, Kunst und Schriften weiterzugeben. Sie hat mir uns aber auch Exkursionen ins Umland gemacht und uns viel über Heilpflanzen und ihre Anwendungen beigebracht.“ Said lachte. „Ich glaube, es gibt keine Pflanze, über die sie nichts wusste. Und in klaren Nächten ist sie auf das flache Dach der Bibliothek hinaufgestiegen und hat dort oben die Sterne mit ihrem Teleskop beobachtet. Meister Rasim hat ihr dort sogar eine Hütte mit aufklappbarem Dach gebaut – dort oben konnte es des Nachts ziemlich zugig werden.“
„Wie ist er nur mit einer so wissensdurstigen Frau klargekommen?“
„Oh, ich finde, die beiden hatten einen guten Weg gefunden ihre Beziehung zu leben. Beide hat die Liebe zu Büchern verbunden, der Drang, die Wirklichkeit zu verstehen, denn wissensdurstig waren sie in der Tat beide. Aber während Meisterin Kamila immer tiefer in die Materie eindringen und mehr wissen wollte, war für Meister Rasim der Ausdruck am wichtigsten; er war ein hervorragender Buchmaler und Poet. Es gab durchaus Zeiten, in denen sie einander wochenlang kaum sahen, wenn jeder in seine Leidenschaft vertieft war, aber bei all ihrer Verschiedenheit waren sie durch ihre Gemeinsamkeiten, ihre Liebe und ihren Respekt füreinander verbunden und unterstützten einander sehr. Auch ihre Art zu unterrichten war sehr unterschiedlich. Meisterin Kamila war die Extrovertiertere der beiden, sie war spontaner und gestikulierte beim Erzählen viel, man merkte ihr an, dass sie in voll ihrem Element war. Im Gegensatz zu Meisterin Kamila, die gerne auch größere Gruppen unterrichtete, konzentrierte sich Meister Rasim meist auf einige wenige Schüler. Er war ruhiger als sie und wich nur äußerst selten von einem Plan ab, den er einmal gefasst hatte.“
„Und welcher der beiden war besser?“ 
„Ich könnte nicht sagen, wer von ihnen besser war, sie waren einfach sehr unterschiedlich. Ich würde eher sagen, dass sie sich ergänzten und gemeinsam eine Einheit bildeten. Ohne einen der beiden hätte wirklich etwas gefehlt.“
In diesem Moment kam Anwar um die Ecke.
„Ich will die hohen Herren ja nicht bei ihren wichtigen Gesprächen stören, aber wollt ihr nicht langsam einmal hereinkommen? Sonst friert euch später noch die Milch an den Fingern fest und ich muss den Käse alleine machen.“
Die beiden Männer brachen in schallendes Gelächter aus; es war in der Tat recht frisch geworden.
„Siehst du, Said“, sagte Elvedin unter Lachen, während er seinen Arm um Anwar legte, „auch meine andere Hälfte ergänzt mich gut und achtet darauf, dass unsere Einheit nicht auseinanderfällt.“
Said schmunzelte und folgte den beiden Turteltäubchen ins Haus.

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