Donnerstag, 31. Dezember 2015

Erinnerungen an At-Ta-ir - Episode 5: Wunder eines Augenblicks



Auf einmal spürte Said, wie tapsige kleine Kinderhände seine Fußknöchel berührten. Er öffnete die Augen und sah hinunter in die wachen und neugierigen Augen von Elvedins Kind, das sich nun an seinen Beinen hochzog bis er stehen konnte. Es musste aus dem Haus heraus zu ihm gekrabbelt sein.
Er strich ihm über den Kopf, und während er die seidenweichen Haare unter seinen Fingern spürte, staunte er darüber, wie es Kindern doch immer wieder gelang, ihn ins Hier und Jetzt zurückzuholen.
Der Kleine streckte seine kurzen Arme nach ihm aus und bettelte so lange, bis Said ihn hochnahm.
„Na, du kleiner Racker“, sagte er. „Wo bist du denn ausgebüchst?“
Aber statt einer Antwort schmiegte der Kleine seinen Kopf an Saids Brust, so dass Said gar nicht anders konnte als ihn mit seinen Armen zu umfangen. Er atmete den Geruch des Kindes tief ein und seufzte. Der Kleine hatte völlig recht. Das ganze Gegrübel über Vergangenheit und Zukunft war müßig, was zählte, war die Gegenwart. Er erinnerte ihn daran, dass er auch in At-Ta’ir gelernt hatte, dass es zwar wichtig war sich seiner Wurzeln bewusst zu sein, dass es aber galt den Augenblick bewusst wahrzunehmen und so den nächsten Schritt tun zu können.
So wie der Kleine in Kürze laufen lernen würde, so würde auch er lernen müssen ohne das Ziel zu leben, auf das er so lange hingearbeitet hatte – oder er würde lernen müssen es anders zu definieren. Er würde lernen müssen ein Krieger von At-Ta’ir  zu sein ohne jemandes Leibwächter sein zu können, denn ein Krieger war er, mit jeder Faser seines Körpers und seiner Seele – auch wenn er lernen musste, wie er trotz seiner körperlichen Einschränkungen ein Krieger sein konnte.

„Hier steckt ihr beiden also!“, polterte auf einmal eine Stimme hinter ihm.
Said wand sich um und sah Anwar im hell erleuchteten Hauseingang stehen, sie hatte beide Hände in die Hüften gestemmt und blickte verärgert drein.
„Ja, der kleine Racker hat mich gefunden und mir das ein oder andere beigebracht. Entschuldige bitte, wenn du dir unseretwegen Sorgen gemacht hast.“
Seine Entschuldigung nahm ihrem Ärger sogleich den Wind aus den Segeln und ihre Züge wurden weicher.
In diesem Moment tauchte Elvedin hinter ihr auf und hatte dabei einen Arm um seine Frau gelegt.
„Er hat dir etwas beigebracht?“
„Ja, er hat mich daran erinnert, dass sich das Leben nicht in der Vergangenheit abspielt, sondern im Hier und Jetzt und dass wir heute entscheiden, wie unser Leben morgen weiter verläuft. Mein Entschluss ist gefasst: Ich werde wieder nach At-Ta’ir gehen.“
Elvedin blickte verdutzt.
„Aber noch nicht sofort, oder willst du bei heraufziehender Nacht aufbrechen?“
„Nein, nein“, lachte Said, „heute bleibe ich noch bei euch. Wir müssen doch noch auf diesen kleinen Racker anstoßen, der die Welt noch so manches lehren wird.
Aber morgen, morgen werde ich aufbrechen.“

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