Sonntag, 22. November 2015

Über das Talent – oder: Paris – und was dann? [Schatzinseln des Bücherregals 7]



Die Attentate von Paris haben uns verschreckt. Sie waren brutal, verstörend,
haben unser sicheres Selbstverständnis erschüttert - genauso aber auch die Anschläge von Ankara, Beirut und  Bagdad, ganz zu schweigen von Syrien. Deshalb habe ich mein Profilfoto bei Facebook auch nicht um eine französische Flagge ergänzt. Die Ereignisse in Paris sind schlimm, aber das sind die anderswo auch; neu ist nur, dass sie geografisch in unserer Nähe stattfinden. Schaut man sich allerdings die weltpolitische Lage an, war es nur eine Frage der Zeit bis so etwas in Zentraleuropa passiert.

Über die Hintergründe und die nötigen politischen Konsequenzen ist an anderen Stellen schon viel geschrieben worden, das möchte ich hier nicht wiederholen.
Heute soll es hier darum gehen, wie wir persönlich mit dieser Situation umgehen.

In den letzten Tagen habe ich auf Facebook, Twitter und anderen Medien viele Posts gesehen, die informieren, so einige gehen allerdings auch in Richtung Panikmache. Ja, ich finde es gut, dass breit informiert wird und viele Nutzer solche Informationen auch fordern. Aber das kann und darf nicht alles sein.

Die beiden Journalisten Nicolas Hénin  und Jürgen Todenhöfer, die im vorigen Jahr in engen Kontakt mit dem IS gekommen sind, berichten beide, dass der IS mit Bombenangriffen rechnet. Wovor er sich allerdings fürchtet, ist gesellschaftlicher Zusammenhalt, insbesondere zwischen der muslimischen und der nichtmuslimischen europäischen Bevölkerung – das passt nicht in das Weltbild des IS.

Zusammenhalt sagt sich so einfach – aber wie geht das?

Wie wäre es, wenn wir uns auf unsere Talente besinnen?

Ich möchte hier Carlos Ruiz Zafón (geboren am 25.09.1954 in Barcelona, Spanien) zitieren. Im Spiel des Engels geht es unter anderem um den jungen Autor David Martín, der sein Talent entdeckt und entfaltet. Sein Mentor Andreas Corelli sagt ihm in einem Gespräch:

Ich glaube, du hast Talent und Lust, etwas damit anzufangen. Mehr, als du denkst, und weniger, als du erwartest. Aber es gibt viele Leute mit Talent und Lust, und viele von ihnen bringen es nie zu etwas. Das ist erst der Ausgangspunkt, um im Leben etwas zu erreichen. Das Talent ist wie die Kraft eines Athleten. Man kann mit mehr oder weniger Fähigkeiten geboren werden, aber niemand wird nur aus dem Grund Athlet, weil er von Natur aus groß oder stark oder schnell ist. Was den Athleten – oder den Künstler – ausmacht, das ist die Arbeit, das Handwerk, die Technik. Die Intelligenz, die einem in die Wiege gelegt wird, ist bloß die Munition. Um damit etwas anfangen zu können, muss man seinen Geist zu einer Präzisionswaffe machen.
Jedes Kunstwerk ist aggressiv. Und jedes Künstlerleben ist ein kleiner oder großer Krieg, angefangen bei einem selbst und den eigenen Beschränkungen. Um zu erreichen, was man sich vorgenommen hat, braucht man vor allem Ehrgeiz, dann Talent, Wissen und schließlich eine Chance.

Die Gelegenheit, die zur Folge hatte, dass wir von dieser wunderbaren jungen Frau erfahren haben, war das Attentat auf Malala Yousafzai (geboren am 12.07.1997 im Swat-Tal, Pakistan). Sie hat Furchtbares erlebt und hat sich dann entschieden sich nicht in Angst zu vergraben, sondern ihr größtes Talent zu nutzen: Sie hat ihre Stimme erhoben und wurde dadurch so bekannt, dass sie als eine der wenigen Frauen, als einzige Pakistani und als jüngste Preisträgerin überhaupt im vorigen Jahr den Friedensnobelpreis erhalten hat. In ihrer Nobelpreisrede erzählt sie unter anderem von ihren Träumen und denen ihrer Freundinnen und was nach einem Attentat der Taliban daraus wurde:

Wir hatten einen Durst auf Bildung; wir hatten einen Durst auf Bildung, weil unsere Zukunft genau dort in diesem Klassenzimmer war. Wir wollten dort sitzen und zusammen lernen und lesen. Wir liebten es unsere ordentliche und saubere Schuluniform zu tragen und wir wollten dort sitzen mit großen Träumen in unseren Augen. Wir wollten unsere Eltern stolz machen und beweisen, dass wir in unseren Studien auch hervorragend sein und die Ziele erreichen konnten, von denen manche Leute denken nur Jungen könnten es. Aber die Dinge blieben nicht wie sie waren. Als ich in Swat war, einem touristischen Ort voller Schönheit, veränderte sich dieser Ort plötzlich in einen Ort des Terrorismus. Ich war erst zehn als mehr als 400 Schulen zerstört wurden. Frauen wurden ausgepeitscht. Menschen wurden getötet. Und unsere schönen Träume wurden zu Alpträumen. Bildung wurde von einem Recht zu einem Verbrechen. Mädchen wurden daran gehindert zur Schule zu gehen. Als sich meine Welt plötzlich änderte, änderten sich auch meine Prioritäten. Ich hatte zwei Möglichkeiten: Eine war still zu bleiben und darauf zu warten umgebracht zu werden. Und die zweite war den Mund aufzumachen und dann umgebracht zu werden. Ich wählte die zweite Möglichkeit. Ich entschied mich dafür den Mund aufzumachen.
Wir konnten nicht einfach dabeistehen und den Ungerechtigkeiten der Terroristen zuschauen, die uns unsere Rechte aberkannten, skrupellos Menschen umbrachten uns den Namen des Islam missbrauchten. Wir entschieden uns unsere Stimme zu erheben und ihnen zu sagen: Habt ihr nicht gelernt, habt ihr nicht gelernt, dass Allah im Heiligen Roman sagt: ‚Wenn du einen Menschen tötest ist das, als ob du die ganze Menschlichkeit tötest’? Wisst ihr nicht, dass Mohammed, Friede sei mit ihm, dem Propheten der Barmherzigkeit, er sagt: ‚Verletze nicht dich selbst oder andere’, und wisst ihr nicht, dass das allererste Wort des Heiligen Koran ist das Wort ‚Iqra’, das bedeutet ‚lies’. Die Terroristen versuchten uns zu stoppen und attackierten mich und meine Freundinnen, die heute hier sind, 2012 in unserem Schulbus. Aber weder ihre Ideen noch ihre Kugeln konnten gewinnen. Wir überlebten. Und seit diesem Tag wurden unsere Stimmen immer lauter und lauter.

(Die gesamte Nobelpreisrede gibt es auf Englisch hier, und hier gibt es mehr Infos zu Malala Yousafzai.)

Nehmen wir uns ein Beispiel an Malala. Hören wir auf damit, über den bösen Terrorismus zu wettern und Horrormeldungen zu teilen. Setzen wir stattdessen unsere Talente dazu ein, die Welt zu dem Ort zu machen, an dem wir leben wollen – und vielleicht noch ein wenig besser.
Lasst uns unsere eigene Schönheit und die der anderen sehen und wertschätzen und unseren Beitrag dazu leisten, diese Schönheit sichtbar zu machen und nach außen zu tragen. Machen wir unsere Welt zu einem schönen Ort, der liebenswert ist und an dem wir gerne leben, jeden Tag ein Stückchen mehr.

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