Sonntag, 29. November 2015

Erinnerungen an At-Ta'ir - Episode 1: Saids Weg nach At-Ta’ir



Nachdem sie sich Anwars Suppe hatten schmecken lassen, saßen die beiden Männer bei einem Krug Wein am Feuer zusammen.
„Was ich dich schon lange einmal fragen wollte“, begann Elvedin. „Weshalb bist du eigentlich Krieger geworden? Was das schon immer dein Wunsch gewesen? Oder gab es dafür ein Schlüsselerlebnis oder so etwas in der Art?“
„Nein, nicht wirklich“, entgegnete Said. „Es war eher so, dass die Menschen und Situationen, denen ich damals begegnet bin, mich auf diesen Weg geführt haben. Ich war kurz vorher erst aus Arabien auf dem Festland angekommen, hatte keinen Plan, kein Ziel und eine Vergangenheit, die ich am liebsten vergessen wollte. Ich ließ mich von Ort zu Ort treiben, ging jeder Arbeit nach, die ich finden konnte, um mich über Wasser zu halten.
Eines Tages lief ich einem alten Mann über den Weg, sein Name war Nadeem. Er ließ mich eine Weile für sich arbeiten, und wir wurden Freunde. Irgendwann erzählte er mir von seinen Reisen, er war im Leben ganz schön herumgekommen und hatte sich dann in diesem Dorf niedergelassen. Als ich ihm von meinem Zickzackkurs erzählte, empfahl er mir nach At-Ta’ir zu gehen. Ich blieb noch eine Weile bei Nadeem, doch irgendwann machte ich mich auf den Weg.“
„Weshalb bist du dorthin gegangen? Und was hofftest du dort zu finden?“
„Nun ja, Nadeem war der einzige Freund, den ich in dieser für mich neuen Welt hatte, und ich vertraute seinem Urteil. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass ich dort wirklich hingehen sollte, auch wenn ich nicht wirklich wusste, was mich dort erwarten würde.“
„Dann bist du also Krieger geworden, weil du deinem Bauchgefühl gefolgt bist?“
„Gewissermaßen, aber bei weitem nicht nur. Um ein Krieger zu werden braucht es noch viel mehr, Durchhaltevermögen zum Beispiel. Die Lebensbedingungen in At-Ta’ir waren einfach, und als erstes lernte ich dort, wie hart es sein kann, sich sein Brot zu verdienen. Wir mussten die Felder bestellen, das Haus besorgen, jeder mindestens ein Handwerk erlernen – und das getrennt von den Mädchen, sie wurden separat auf einer Mädchenschule unterrichtet.“
„Sie haben euch getrennt?“
„Ja, sie sagten, wir könnten uns so besser konzentrieren. Nun ja, da mag wohl etwas dran sein. Eines der ersten Dinge, die wir lernten, war uns genau auf das zu konzentrieren, was wir taten. Ich hätte mir vorher nie vorstellen können, wie besinnlich es sein kann, einen Topf Rüben zu schälen!“
„Hach, das sagt Anwar auch manchmal! Aber ich glaube ich weiß, was du meinst, so eine Versenkung spüre ich manchmal, wenn ich ein Stück schreinere oder den Garten umgrabe.
Aber eure Trennung von den Mädchen beschäftigt mich immer noch. Hat dich das sehr geprägt? Lebst du deshalb alleine?“
„Geprägt hat mich das sicher, aber nicht so sehr wie du denkst. Ich lebe ohne eine Frau – oder einen Mann – an meiner Seite, aber ich genieße es sehr euch beide zusammen zu sehen. Für meine Begriffe gehören das Männliche und das Weibliche zusammen und bilden eine Einheit, aber das kann nicht immer und überall verwirklicht werden.“
Er stellte seinen Weinkrug auf den Kaminsims.
„Aber genug für heute. Lass uns zu Bett gehen, bevor ich ins Philosophieren komme, und stattdessen lieber von der holden Weiblichkeit träumen.“
Elvedin erhob sich gemeinsam mit Said.
„Nun, ich geselle mich erst einmal, zur holden Weiblichkeit, bevor ich von ihr träume. Aber du hast Recht, lass uns schlafen gehen.“
Und so begaben sich die Beiden zur Ruhe.

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