Sonntag, 23. August 2015

Schatzinseln des Bücherregals: Über den Tod als Bestandteil des Lebens



Resilienz und Salutogenese nicht nur Theorien, sondern können auch ganz praktisch erworben werden, vor allem was die Bereiche der Verstehbarkeit, Bewältigbarkeit und Sinnhaftigkeit des Lebens angeht. Eine Möglichkeit dies zu erreichen ist der Weg über Geschichten, einerseits persönlich erzählte Geschichten, andererseits gelesene Geschichten, die im Kopf des Lesers das Bild einer ganz persönlichen Variante der Geschichte des Autors entstehen lassen.

Rafik Schami (geboren 1946 in Damaskus, Syrien) erzählt in seiner Reise zwischen Nacht und Morgen von dem Zirkusdirektor Samani, der sich aus jedem Buch, das er gelesen hat, einen Abschnitt in ein Schulheft herausschreibt und so einen Schatz seiner liebsten Stellen bewahrt. Ich finde, das ist eine wunderbare Idee!

Jetzt lasst uns auf Entdeckungsreise gehen und schauen, welche Schätze sich in unseren Bücherregalen verbergen!

Beginnen möchte ich heute mit einer Stelle aus Thomas Manns (1875, Lübeck - 1955, Zürich) Zauberberg. Das Buch spielt in einem Sanatorium in den Schweizer Alpen, in dem Lungenkranke behandelt werden und einige davon im Lauf der Zeit auch sterben.

Wir gehen oft davon aus – oder verhalten uns zumindest so – als wäre unsere Zeit in diesem Leben unerschöpflich. Wir können kaum ermessen, wie voll unser eigenes Zeitglas noch ist – aber wenn wir Zeuge davon werden, wie das Zeitglas eines anderen abläuft, werden wir uns dessen gewahr, dass auch uns nicht mehr alle Zeit der Welt bleibt, bevor wir unseren Ahnen folgen.

An dieser Stelle des Zauberbergs befasst sich nun Hans Castorp, ein junger Schiffsbautechniker, damit, dass der ständig gegenwärtige Tod im Sanatorium wohl den Charakter der Menschen in besonderer Weise prägen müsse und einem dadurch die materialistisch geprägte Welt fremd werde. Daraufhin entgegnet ihm sein väterlicher Freund Ludovico Settembrini:

Gestatten Sie mir, Ingenieur, Ihnen zu sagen und Ihnen ans Herz zu legen, dass die einzig gesunde und edle, übrigens auch – ich will das ausdrücklich hinzufügen – die einzig religiöse Art, den Tod zu betrachten, die ist, ihn als Bestandteil und Zubehör, als heilige Bedingung des Lebens zu begreifen und zu empfinden, nicht aber – was das Gegenteil von gesund, edel,  vernünftig und religiös wäre – ihn geistig irgendwie davon zu scheiden, ihn in Gegensatz dazu zu bringen und ihn etwa gar widerwärtigerweise dagegen auszuspielen. Die Alten schmückten ihre Sarkophage mit Sinnbildern des Lebens und der Zeugung, sogar mit obszönen Symbolen, – das Heilige war der antiken Religiosität ja sehr häufig eins mit dem Obszönen. Diese Menschen wussten den Tod zu ehren. Der Tod ist ehrwürdig als Wiege des Lebens, als Mutterschoß der Erneuerung. Vom Leben getrennt gesehen, wird er zum Gespenst, zur Fratze – und zu etwas noch Schlimmerem. Denn der Tod als selbständige geistige Macht ist eine höchst liederliche Macht, deren lasterhafte Anziehungskraft zweifellos die gräulichste Verirrung des Menschengeistes bedeutet.

Wenn der Kreislauf des Lebens eine so natürliche Sache ist – warum nur tun wir uns dann so schwer damit Abschied zu nehmen?
Ja, wir wissen, dass wir die Gegangenen in unserem Herzen bewahren können, dass sie niemals ganz fort sind, dass die Zeit der ärgsten Trauer vorübergeht, dass wir uns an viele Momente in Dankbarkeit erinnern können. Wir denken, dass es ihnen dort, wo sie jetzt sind, gut geht, konnten vielleicht sogar Zeuge davon werden, wie sie von jemandem aus der anderen Welt abgeholt und auf ihrem Weg begleitet wurden, hoffen, dass wir sie dort dereinst wiedersehen.
Aber warum zerreißt es uns schier das Herz, wenn wir von jemandem „für immer“ Abschied nehmen, ihn oder sie endgültig loslassen müssen?
Warum zerbricht etwas in uns, wenn uns auf einmal Zusammenhänge klar werden, die wir vorher noch nicht einmal geahnt haben und vielleicht keine Gelegenheit mehr hatten diese auszusprechen?

Wir haben uns in unserem Leben eingerichtet.
Wir mögen es, wenn unser Leben nach bestimmten Regeln funktioniert, Rituale immer wiederkehren, Personen, Orte und Abläufe uns Sicherheit geben.
Wir hängen an Personen, die unserem Leben eine bestimmte Bedeutung geben, an Abläufen und Orten, die damit in Verbindung stehen, an Dingen, die durch sie eine bestimmte Bedeutung gewonnen habe.
Diese Zusammenhänge machen unser Leben emotional sicherer, lassen es überschaubar wirken, hüllen uns in einen Kokon ein.
Unsere Welt ist vielfältig, wird immer unüberschaubarer – da ist uns unsere Sicherheit heilig.
Wir lieben es, wenn die Welt heil ist – oder wenn es zumindest den Anschein hat als wäre es so.
Denn wenn das Sicherheitsgefüge Risse bekommt, könnte es ja passieren, dass wir uns auf immer dünnerem Eis bewegen, könnte es sein, dass wir einbrechen, dass unser ganzes Gefüge zusammenbricht, dass wir den Halt verlieren, dass wir ins eisige Wasser einsinken – und dann?
Wer sind wir, wenn wir nackt und bloß in diese chaotische Welt geworfen sind?
Wer oder was schützt uns davor, uns in diesem heil-losen Tohuwabohu zu verlieren, wenn wir halt-los geworden sind?

Hier gibt es für mich nur eine mögliche Antwort:
Wir können nicht tiefer fallen als in Gottes Hand.
Egal, welche Brücken, Netze und Eisdecken auch brechen, egal, wie verlassen und orientierungslos wir uns auch fühlen, egal wie tief wir fallen – er – oder sie – ist da, vermag zu halten, zu tragen, Geborgenheit und Liebe zu schenken, auch durch das tiefste Tal mitzugehen. Bisweilen auch in der Gestalt anderer Menschen.
Diese große, im Letzten unbegreifliche Macht umhüllt uns, fängt uns auf wie eine Hängematte oder ein letztes Sicherheitsnetz und vermag uns aufs Tiefste in unserem Inneren zu berühren.
Doch es erfordert Mut, sich diesem unergründlichen Geheimnis, von dem wir immer nur einen Teil verstehen können, anzuvertrauen, denn dafür müssen wir Kontrolle aufgeben, müssen wir loslassen, die Führung einem anderen überlassen.
Doch wenn wir es wagen, wenn wir uns ganz in die Hände dieser numinosen Macht geben und uns von ihr tragen lassen, dann können wir wie der Phönix aus der Asche erstehen, aus der Tiefe emporgehoben werden und zu neuem Leben geboren werden – als gleicher Mensch und doch verändert, erneuert durch die Erfahrung des Todes, durch das Hindurchgehen durch ein dunkles Tal in das Licht eines neuen Sonnenaufgangs.
Und wenn wir uns von diesem Glauben getragen wissen, dann können wir auch die Gegangenen loslassen, können sie ihren eigenen Weg in die andere Welt gehen lassen und uns trotzdem mit ihnen verbunden wissen.

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