Freitag, 3. April 2015

Müssen wir uns das angucken?



Brutalität allerorten:
Fernsehbilder von abgestürzten Flugzeugen oder überschwemmten Dörfern.
Zerfetzte Körper, abgetrennte Gliedmaßen, weggeschossene Gesichter.
Und als ob das noch nicht reichen würde auch Krimis und andere Spielfilme mit jeder Menge Leichen, mit mehr oder weniger deutlich dargestellten Gräueltaten.

Müssen wir uns das angucken?

Bei Unterhaltungssendungen im Fernsehen haben wir die Wahl, ob wir zusehen oder abschalten.
Die Hirnforschung hat schon lange herausbekommen, dass jeder Mord, den wir uns ansehen – und wenn er im Fernsehen geschieht – unser Gehirn verändert. 
Aber was ist mit den Gräueln, die tagtäglich überall auf der Welt passieren?

Müssen wir uns das angucken?

Und jetzt ist auch noch Karfreitag.
Noch mehr Folter, Qualen, Tod.

Müssen wir uns das angucken?

Ja.
Zumindest einmal im Jahr sollten wir richtig hinschauen.
Man mag die „Passion Christi“ ja in manchen Punkten kritisieren, ab in einer Hinsicht ist der Film hilfreich: Er zeigt die Brutalität der Geißelung und der Kreuzigung. In allen Details.
Und bewahrt uns davor, den Karfreitag allzu verklärt, allzu weichgezeichnet, allzu theologisch überhöht zu sehen.
Was dort geschehen ist, war brutal, schockierend, hat viele verängstigt.
Und genauso ist es auch heute, wenn wir die Gräuel der Welt betrachten, wie die Fotografen und Filmleute, die vor einem Jahr nach Ruanda reisten, um ein Massaker in einer Kirche zu dokumentieren. 
In solchen Momenten müssen wir hinschauen, auch wenn es weh tut.

Wieder heil machen dessen was tot ist – hach, wäre das nicht wunderbar?
Wenn das Dunkle wieder hell würde, wenn das, was wir so schmerzlich vermissen wieder da wäre, wenn aus Leid wieder Freude würde – wäre das nicht wunderbar?
In Momenten, in denen uns das Leben beutelt und wir darunter leiden mag es uns verlockend erscheinen, wenn der vorherige Zustand wiederhergestellt würde.

Doch was wäre eine Welt ohne Leid und Tod? Wäre das wirklich die Welt, in der wir leben wollten?
Wüssten wir dann überhaupt was Freude ist, wenn wir nie Leid erfahren hätten?
Hätten wir eine Vorstellung davon, wie es sich anfühlt glücklich zu sein, wenn wir nie unglücklich oder verzweifelt gewesen wären?
Wüssten wir Liebe wirklich zu schätzen, wenn wir nie Ablehnung erfahren hätten?

Die dunkle Seite des Lebens mag bisweilen schwierig zu ertragen sein, aber sie ist ein Teil des Lebens.
Ohne die Nacht könnte der Tag nicht von Neuem erwachen.
Ohne das Sterben der Pflanzen im Herbst gäbe es keine fruchtbare Erde um das Leben der neuen Pflanzen zu nähren und keine Samen um es entstehen zu lassen.
Und ohne unsere Vorfahren wären wir nicht hier.

So schmerzlich die Realität des Todes bisweilen zu ertragen ist, so notwendig ist er.
Würde man den Zustand vor dem Tod einfach wieder herstellen, wo bliebe dann die Weiterentwicklung?

Hätte es die Kreuzigung nicht gegeben, hätten wir dann jemals von Jesus erfahren?
Hätten seine Botschaft und sein Leben dann jemals solch eine Kraft entfalten können?
Wären dann so viele Menschen in ihrem Glauben stark gewesen, dafür sogar in den Tod gegangen?

Ohne die Kreuzigung hätte es die Auferstehung nicht gegeben.
Oder jedenfalls nicht so, wie wir sie kennen.
Aber ohne die Kreuzigung wäre die Geschichte Jesu wohl nie so stark geworden.

Wir sehnen uns danach, dass Unheiles heil wird, dass alles wieder gut ist, oder ganz neu, ganz einzigartig.

Aber dieser Zeitpunkt ist nicht da, noch nicht.

Heute gedenken wir des Leidens Christi, und des Leidens der Welt.
Heute schauen wir genau hin.

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