Montag, 20. April 2015

Die Seele



Der Große Gott trennte eine Seele von seinem eigenen Innersten und sie in Schönheit.
Er gab ihr die Milde der Abendbrise, den Duft von Wildblumen, die Sanftheit des Mondlichts.
Er gab ihr eine Schale Zufriedenheit und sagte: „Trink nur davon, wenn du die Vergangenheit vergisst und nicht auf die Zukunft achtest.“
Er gab ihr eine Schale Trauer und sagte: „Trink davon und begreife das Wesen der Lebensfreude.“
Er verstreute in ihr eine Liebe, die sie beim ersten Säuseln der Erfüllung im Stich lassen und eine Anmut, die sie beim ersten Wort von Hochmut verlassen würde.
Er sandte Wissen vom Himmel hinab zu ihr, um sie auf den Pfaden der Wahrheit zu leiten.
Tief in sie hinein pflanzte er Einsicht, um zu sehen was nicht gesehen werden kann.
In ihr schuf er ein Verlangen, das zu den Träumen und den Geistern fließt.
Er kleidete sie mit einem Gewand der Sehnsucht, gewoben von Engeln aus Fäden des Regenbogens.
Dann setzte er in sie die Dunkelheit der Verwirrung – das Abbild des Lichts.
Dann nahm der große Gott Feuer aus der Schmiede des Zorns und Wind aus der Wüste der Ignoranz, Sand von den Küsten der Arroganz und Staub aus den Fußspuren der Zeitalter.
Damit formte er den Menschen.
Er gab ihm eine blinde Kraft, die in Verrücktheit auflodert und von Lüsten gedämpft wird.
Er gab Leben in ihn, das das Abbild des Todes ist.
Der Große Gott lächelte und weinte, schaute mit grenzenloser und ewiger Liebe, und vermählte sich mit dem Menschen und seiner Seele.

(Khalil Gibran)

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