Dienstag, 24. März 2015

Wie wollt ihr alt werden?



Nein, Salutogenese ist nicht der Fachbegriff zur Berechnung der Flugbahn von Böllerschüssen, wie Kreuzknappe hier treffend feststellte.
Salutogenese wurde auch nicht „erfunden“, um unser Hirn mit einer weiteren Theorie zu bombardieren, sondern entstand als Ergebnis einer Suche danach, was den Menschen langfristig gesund (und auch glücklich) macht. Und man kann sich durchaus auch salutogenetisch verhalten, wenn man von dieser Theorie noch nie etwas gehört hat.

Liebe Leserinnen und Leser, wie wollt ihr alt werden?
Wie stellt ihr euch das Leben mit 60, 70, 80 oder noch mehr Jahren vor?

Schauen wir uns an, wie viele ältere Menschen in unserer Gesellschaft heute leben: Viele alte Menschen leben alleine und pflegen nur wenige soziale Kontakte. Mit der Zeit sind die Kinder erwachsen geworden und aus dem Haus gegangen, der Ehepartner ist gestorben, viele Freunde und Bekannte ebenfalls. Der Antrieb dazu, Neues zu entdecken und neue Menschen kennenzulernen fehlt oft. Das, was aus dem eigenen Leben wegfällt, wird oft vermisst und betrauert, die entstandenen Leerstellen werden aber meist nicht durch neue Erfahrungen aufgefüllt. Man bleibt den alten Gleisen und dem alten Trott treu. Dazu kommen im Alter immer mehr hauptsächlich ernährungs- und lebensstilbedingte Krankheiten, die das Aktivitätspotenzial zusätzlich verringern. Die meisten Menschen möchten zu Hause sterben, de facto sterben aber etwa 80% in Einrichtungen wie Altersheimen und Krankenhäusern.
Wollt ihr so leben, wenn ihr alt seid?

Dass es auch anders geht, zeigen z.B. die Alten von Okinawa. Okinawa gilt als die Inselgruppe der Hundertjährigen, als einer der Orte, am die meisten Hochbetagten (überwiegend gesund) leben.
Woran liegt das? Diese Fragen haben sich auch viele Forscher gestellt (die bekannteste davon ist wohl die  Okinawa Centenarian Study gestellt und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass die Alten auf Okinawa manches anders machen als die Alten anderswo:

Erstens: Die Ernährung. Die Ernährungspyramide, die die meisten von uns kennen, sieht etwa so aus.
In der untersten Stufe stehen kohlenhydratreiche Lebensmittel: Getreide und Getreideprodukte wie Brot, Brötchen, Müsli, Nudeln, Reis, aber auch Kartoffeln. In der zweiten Stufe Obst und Gemüse, in der dritten Stufe Eiweißreiches wie Fleisch, Fisch, Eier, Milchprodukte, aber auch Tofu und Hülsenfrüchte. In der obersten Stufe steht fett- und zuckerreiches wie Öle und andere Fette, Nüsse, Süßigkeiten, zuckerhaltige Getränke.
Doch die Ernährungspyramide der Okinawer sieht ein bisschen anders aus: Die unterste Stufe teilen sich kohlenhydratreiche Produkte mit Gemüse, die zweite Stufe besteht aus Obst, Blattgemüse, Milchprodukte und Tofu. Darüber stehen Fisch, Algen und Nüsse, darüber Öle, Kräuter und Gewürze. Fleisch, Eier und Süßigkeiten werden nur selten verzehrt. Außerdem schwören viele Okinawer auf den regelmäßigen Verzehr der Goya-Frucht, das ist eine bitter schmeckende Melonenart, die so ähnlich aussieht wie eine Gurke ###.
Ein weiterer Bestandteil der Ernährung ist der „hara hachi bu“-Grundsatz: das heißt, der Magen wird nur zu etwa 80% gefüllt und nach den Mahlzeiten wird eine Essenspause gemacht, so wird Überessen verhindert und die Verdauungsorgane werden nicht überlastet (Link). 

Zweitens: Bewegung. Jeden Nachmittag trifft man sich auf dem zentralen Platz zum Gateball-Spielen, eine Art japanischem Cricket, wie die 90jährige Sumiko, nachdem sie vormittags auf ihrem Acker gearbeitet hat. Sie hat Unkraut gejätet und Gemüse geerntet, trotzdem ist sie fit wie ein Turnschuh, und sie ist nicht die Einzige – die anderen Mitspieler sind auch alle um die 100 Jahre alt.

Drittens: Eine Arbeit. Viele Hundertjährige gehen einer geregelten Arbeit nach, sie verkaufen zum Beispiel an einem Stand auf dem Markt oder arbeiten auf dem Feld, wenn auch nicht mehr so viel wie mit 60. So etwas wie einen Ruhestand gibt es hier nicht. „Was soll ich allein zu Hause?“, antwortete eine Okinawerin auf die entsprechende Nachfrage. Und ein Betreiber eines Marktstandes, der gerade eine 101-Jährige eingestellt hatte: „Eine Oma als Verkäuferin bringt mir mindestens 10 Omas als neue Kundinnen.“

Viertens: Gemeinschaft. Man kann auf Okinawa alleine sein, wenn man das will, aber man muss es nicht. Die Alten kochen und essen oft zusammen, nachmittags trifft man sich zum Gateball-Spiel, außerdem leben viele Okinawer mit ihrer Großfamilie zusammen.

Fünftens: Spiritualität. Die Religion ist geprägt von einer Mischung aus Shintoismus und Buddhismus, die Ahnen und das Bewusstsein der eigenen Geschichte spielt dabei eine besondere Rolle. Man sagt auf Okinawa, die Alten hätten einen besonderen Draht zu den Ahnen, insbesondere die Frauen.

Insgesamt ist dies das Gesamtkonzept einer ländlichen Bevölkerung.
Auch in Okinawa ist nicht mehr alles wie es war: Die Jungen ziehen in die Großstädte, und die „jungen“ Alten pflegen einen anderen Lebensstil. Es liegt weniger an dem Ort und auch nicht an den Genen, dass die Alten so alt werden und so gesund sind, sondern vielmehr am Lebensstil – und ist somit auch eine Frage der Wahl.

„Okinawa ist weit weg.“, magst du sagen.
Oder: „Goya-Frucht? Echt jetzt?“
Im nächsten Beitrag werden wir der Frage nachgehen, was von diesem Lebensstil wir für uns adaptieren können.



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