Sonntag, 8. März 2015

Warum bleiben manche Menschen gesund und andere werden krank?



Warum kommen manche Menschen mit widrigen Umständen zurecht, und andere scheitern daran?
Und letzten Endes: Wie entsteht Gesundheit beziehungsweise was hält den Menschen gesund?

Dies waren die Fragen, die sich Aaron Antonovsky (1923-1994), ein israelisch-amerikanischer Soziologe, stellte, vor allem nachdem er herausgefunden hatte, dass etwa ein Drittel der von ihm untersuchten Gruppe von KZ-Überlebenden in überraschend guter mentaler Verfassung war. Daraus entwickelte er in den 1970er Jahren das Konzept der Salutogenese.
Nach Antonovsky ist man nie völlig gesund oder völlig krank, sondern bewegt sich Zeit seines Lebens auf einem Gesundheits-Krankheits-Kontinuum und pendelt zwischen den Extremen. Um einen möglichst ausgeglichenen Zustand zu erreichen, kommen mehrere Faktoren zum Tragen:

Ein Faktor sind Stressoren, damit meint er alle Reize, die Stress erzeugen. Dazu gehören für ihn vor allem die chronischen Stressoren (wie Krieg, Armut, schlechte hygienische Verhältnisse und Ernährung, körperliche Einschränkungen, ständige Über- bzw. Unterforderung), am Rande auch alltägliche Stressoren (wie Termindruck, Komplexität des Alltags, körperliche und psychische Beanspruchung) und kritische Lebensereignisse (wie Tod eines Angehörigen, Umzug oder andere gravierende Veränderungen des sozialen Umfeldes). Diese Stressoren sorgen für eine Spannung, die unausgeglichen überhand nehmen und krank machen kann.

Dazu braucht es als ausgleichenden zweiten Faktor die Widerstandsressourcen. Dazu gehören einerseits individuelle Widerstandsressourcen (wie körperliche Ressourcen, Bewältigungsstrategien, Intelligenz), andererseits auch soziale und kulturelle Ressourcen (wie
kulturelle Stabilität, soziale Unterstützung und finanzielle Möglichkeiten).

Diese beiden Faktoren bewegen den Zustand des Menschen wie ein Perpetuum Mobile auf dem Gesundheits-Krankheits-Kontinuum immer hin und her.

Stabilität gewinnt dieses Hin- und Herpendeln erst durch einen dritten Faktor: das Kohärenzsinn (SOC = sense of coherence). Man könnte diesen Kohärenzsinn auch als Weltanschauung oder Grundeinstellung zum Leben bezeichnen, eine Grundeinstellung, mit der die Welt als zusammenhängend und sinnvoll erlebt wird. Diese setzt sich aus drei Komponenten zusammen:
Erstens aus dem Gefühl der Verstehbarkeit: Dies bedeutet, dass Menschen in der Lage sind, ihre Umwelt zu verstehen, also eintreffende Reize zu ordnen und verarbeiten zu können bzw. ihnen schon mit der entsprechenden Erwartung entgegentreten zu können. Das Gegenteil wäre eine Welt, die als willkürlich, unplanbar, chaotisch und unerklärbar erscheint.
Die zweite Komponente ist das Gefühl der Bewältigbarkeit: Damit gemeint ist die Grundeinstellung, dass auftauchende Schwierigkeiten lösbar sind. Dabei geht es nicht nur um die Überzeugung, dass das eigene Handeln zielführend ist, sondern auch um das Vertrauen, dass andere Menschen oder eine höhere Macht bei der Bewältigung von Hindernissen helfen. Menschen, denen diese Überzeugung fehlt, sehen sich den Widrigkeiten des Lebens ausgeliefert und haben den Eindruck, nichts dagegen unternehmen zu können und eben auf der Schattenseite des Lebens zu stehen.
Die dritte Komponente ist das Gefühl der Sinnhaftigkeit: Damit gemeint ist, inwiefern das Leben als sinnvoll empfunden wird, dass sie Herausforderungen des Lebens es wert sind, sich dafür zu engagieren und Lösungen zu suchen. Ein Mensch, dem diese Komponente fehlt, empfindet das Leben als Qual und jede weitere Herausforderung als weitere Last.
Je stärker der Kohärenzsinn ausgeprägt ist, umso flexibler kann der Mensch auf Herausforderungen reagieren und die der Situation entsprechenden Ressourcen und Bewältigungsstrategien aktivieren.

Antonovsky war der Ansicht, der SOC hätte den größten Einfluss auf die körperliche Gesundheit – dies konnte durch die empirische Forschung nicht bestätigt werden. Diese konnte allerdings nachweisen, dass erhebliche Einflüsse auf die psychische Gesundheit zu verzeichnen sind, obwohl Antonovsky das für unwahrscheinlich hielt.
So konnte Lundberg 1997 nachweisen, dass Menschen mit hohem SOC-Wert ein wesentlich geringeres Risiko haben, an psychischen Krankheiten zu leiden, andere Studien bestätigen diese Tendenz, ebenso den Zusammenhang zwischen niedrigem SOC-Wert und Ängstlichkeit bzw. Depressivität.
Noch größere Bedeutung scheint der SOC bei der Bewältigung von Stress zu haben: Er erleichtert die Anpassung an schwierige Lebenssituationen wie Behinderung oder die Pflege eines erkrankten Angehörigen (Dangoor/ Florian 1994, Rena u.a. 1996) und korreliert positiv mit aktiven Bewältigungsstrategien in schwierigen Situationen. Dahingegen gehen niedrige SOC-Werte einher mit depressivem Bewältigungsverhalten (Backer u.a. 1996), Hilflosigkeit (Callahan/ Pincus 1995) und Resignation (Rimann/ Udris 1998) einher.
Belege lassen sich auch für den Zusammenhang zwischen SOC und sozialem Umfeld finden: Je höher der SOC-Wert, desto höher die Anzahl der Freunde (Larsson/ Kallenberg 1996), ein hoher SOC-Wert geht mit hoher ehelichen Zufriedenheit bei gelähmten Patienten einher (Rene u.a. 1996) und es gibt eine positive Korrelation zwischen SOC und sozialer Unterstützung (Becker u.a. 1996).
Die Ausprägung des SOC ist kulturunabhängig;  bezüglich Geschlecht, Alter, Bildungsstand und sozioökonomischem Status gibt es unterschiedliche Studien, die aber keine eindeutige Interpretation in die eine oder andere Richtung zulassen.

Ich mag dieses Konzept, weil es die Vielschichtigkeit von Gesundheit zeigt. Es gibt nicht den einen Faktor (wie ein Virus, der einen erwischt, ein Unfall, eine persönliche Krise), der darüber entscheidet, ob man gesund ist oder nicht, sondern es gibt eine Vielzahl von Faktoren, die im Endeffekt über den Gesundheitszustand entscheiden: ein kritisches Ereignis als Auslöser in Kombination mit anderen Stressoren, den Widerstandsressourcen und dem grundsätzlichen Kohärenzsinn. Dass der Kohärenzsinn mit der psychischen Gesundheit einhergeht ist nicht wirklich überraschend, oder? Wenn ich der festen Überzeugung bin, dass Situationen zu einem guten Ende kommen und ich erwarte, dass ein Problem gelöst werden kann, dann bin ich gelassener und weniger gestresst. Wenn ich dahingegen der Ansicht bin, dass es schon eine Katastrophe ist, wenn ich meinem Job zwei, drei Tage lang nicht nachgehen kann, setzt mich das unter einen immensen Stress.
Der Kohärenzsinn wird meist als psychologische Variable verstanden, die auch in psychologisch orientierten Settings untersucht wird. Der spirituellen Dimension der Salutogenese wird bislang – vor allem im deutschsprachigen Raum – kaum Beachtung geschenkt, hier besteht weiterhin Forschungsbedarf.



1 Kommentar:

  1. Interessant!
    Da habe ich doch glatt direkt mal hierhin verlinkt...
    http://kreuzknappe.blogspot.de/2015/03/wenn-sie-annehmen-salutogenese-sei-die.html

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