Samstag, 14. Februar 2015

Die Glut oder die Asche weitergeben? Und was genau ist die Glut?

In Das Schiff des Theseus sind wir stehen geblieben bei der Frage: Welcher Bestandteil des Schiffes ist der, der zählt?
 
Ist es für die Wirksamkeit einer Tradition notwendig, dass sie ununterbrochen seit ihrem Anbeginn fortbestand?
Dass Originalgegenstände, die der Auslöser der Tradition selbst besessen oder berührt hat, weitergegeben werden?
Oder kann sie genauso wirkmächtig sein, wenn sie eine Zeit lang vergessen war und dann neu entdeckt wird?
Welche Bedingungen sind notwendig, um den ursprünglichen Sinn einer Tradition am besten zu erhalten?

Darüber streiten sich die Vertreter vieler Religionen und Weltanschauungen seit Jahrtausenden. Ist es ausschlaggebend, die eigene Blutlinie auf den Gründer oder eine andere bedeutende Gestalt zurückführen zu können? Die Worte, die er selbst gesprochen hat, in exakt dem gleichen Wortlaut bei einer Zeremonie zu wiederholen? Seinen Mantel oder Trinkbecher zu besitzen? Macht es schon einen Unterschied, wenn eine Reproduktion der Originalgegenstände verwendet wird oder wenn die Originalworte in eine andere Sprache übersetzt werden? Und was ist gar mit Interpretationen und Weiterführungen, mit Übertragungen in eine aktuellere Zeit? Sind sie weniger „echt“, weil manches erweitert, weggelassen oder in einen Kontext gesetzt wird, den die alten Schriften nicht vorgeben?

Eine alte Frau stand in ihrer Hütte am Herd in der Küche und öffnete ihn, um nach dem Feuer zu schauen. Bei ihr war ihre Enkelin, ein junges Mädchen, das gerne bei ihr war und heute lernen sollte, wie man Feuer von einem Ort zum anderen transportieren konnte. „Ah, es ist so weit!“ sagte die Alte. „Komm, Lucie, gib mir die Pfanne und die Kohlenzange her!“ Das Mädchen gab ihr die gewünschten Dinge. „Hier sind sie, Großmutter.“  - „Schau zu“, sagte die Großmutter, „und pass auf, es ist heiß. Du nimmst mit der Zange das glühende Holz heraus, zuerst ein paar größere Stücke, dann auch ein paar kleinere. Wenn ein bisschen Asche dabei ist, ist das in Ordnung, Asche und Glut lassen sich manchmal nur schwer trennen. Aber pass auf, dass du nicht zu viel Asche erwischst, denn wenn die Glut zu lange unter der Asche verborgen liegt, verlischt sie auch. Wenn du genug Glut in das Pfännchen gelegt hast, kannst du sie transportieren. Hier, nimm es!“ – „Oh, das ist wirklich heiß!“ – „Ja, aber das schaffst du schon. Jetzt halte es schön gerade, damit nichts herausfällt und geh hinüber zum Kamin. Ich habe ihn vorhin saubergemacht und alle alte Asche herausgeräumt. Jetzt nimm die Zange und lege die Glutstücke damit in den Kamin.“ – „So, Großmutter?“ – „Ja, du machst das genau richtig. Du kannst mir jetzt die Pfanne und die Zange geben, du brauchst sie jetzt nicht mehr. Jetzt leg ein paar dünne Äste und trockenes Laub darauf und blase in die Glut, so hilfst du ihr zu wachsen.“ Lucie tat was die Großmutter gesagt hatte. „Juhu, es funktioniert tatsächlich!“  - „Ja, natürlich funktioniert es, wenn man es richtig macht. Wenn die Flammen ein bisschen größer sind kannst du einen größeren Holzscheit darauf legen, und bald ist das Feuer so groß, dass es die ganze Stube wärmt.“ -  „Oh, es wird schon größer und wärmer. Ich freue mich so, dass ich das kann!“ – „Ja, mein Kind, ich freue mich auch. Beim nächsten Mal kannst du das auch ohne meine Hilfe.“

Worin genau besteht die Glut?
Sind es die Dinge? Ist es die ungebrochene Linie? Oder etwas ganz anderes?
Und sind Traditionen weniger wahr oder gehaltvoll, weil sie eine Zeit lang vergessen waren? Ist die Glut verloschen, weil wir das Feuer lange Zeit nicht mehr gesehen haben?

Lange hat man über Märchen diskutiert, ob sie noch zeitgemäß seien oder Schnee von gestern. Ob es den Originaltext bräuchte oder ob man sie frei erzählen solle. Ob sie überhaupt etwas für Kinder seien oder nicht insgesamt viel zu grausam für sie. Heute ist man sich meist darin einig, dass Kinder Märchen brauchen, dass die Symbole und Themen der Märchen auch jenseits der Worte wirken, aber auch darin, dass nicht jedes Märchen für Kinder geeignet ist und dass es darauf ankommt, wie es erzählt wird. Viele Märchen waren lange in Vergessenheit geraten und werden zur Zeit wieder entdeckt, teilweise auch neu interpretiert. Sollte man da sagen, sie hätten keine Bedeutung?

Oder lasst mich ein anderes Beispiel wählen: Die meisten kennen das Phänomen, dass ein Gericht dann am besten schmeckt, wenn es von der Mutter, der Oma oder einer anderen speziellen Person zubereitet wurde. Selbst wenn man mit den gleichen Zutaten nach dem gleichen Rezept das Gericht nachkocht – es schmeckt nicht genauso. Irgendetwas fehlt. Und dann kommt es von Zeit zu Zeit vor, dass – manchmal viele Jahre später – jemand Anderes das Rezept nachkocht, und auf einmal ist er wieder da – der Geschmack von damals, die Erinnerung an die Kindheit, das kleine Wunder. Was ist geschehen? Diese Person hat etwas hinzugefügt, das vorher gefehlt hat, etwas, das in kaum einem Rezept verzeichnet ist: Inspiration, Schöpferkraft, Lebensatem. Mit Inspiration können wir auch lange vergessenen Traditionen wieder Leben einhauchen, aber dieser Hauch ist nicht käuflich, sondern ein Geschenk – und auch davon abhängig, ob wir bereit dazu sind uns verwandeln zu lassen und das Wunder zu erleben.

 

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