Donnerstag, 25. Dezember 2014

Die Reise des Kriegers Said - Episode 8: In Liebe geboren und geborgen



Said sah Elvedin schon kaum mehr, so schnell war er in der Dunkelheit verschwunden.
Was war dort hinten nur los?
Als Elvedin nicht mehr zurückkam, machte Said sich auf um nachzuschauen, was dort los war. Er griff nach seinem Stock und machte sich auf den Weg durch die Dunkelheit. Auf dem ersten Stück wurde er noch vom Schein des Lagerfeuers begleitet, dann umfing ihn Dunkelheit. Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen, um nicht zu straucheln. Als er das erleuchtete Zelt erreichte, war das aufgeregte Geschrei von vorhin vorbei.
Eine Frau mit großen dunklen Augen öffnete ihm den Zelteingang und ging hinaus.
„Komm herein, Said!“
Er trat ein, und in der Mitte des Zeltes sah er, umgeben von Packstücken, Elvedin zusammen mit einer Frau, das musste Anwar sein.
„Said, schau, gerade wurde mein Sohn geboren.“
Er deutete auf das winzige Bündel Leben, das Anwar in den Armen hielt.
„Ist das nicht wunderbar?“
Said konnte gar nichts sagen, so angerührt war von diesem Anblick. Er sah die kleinen Hände, die kleinen Augen, das sich räkelnde kleine Wesen und die Eltern, die ihren Sohn staunend betrachteten. Von diesen Dreien schien ein Schein auszugehen, der alles darum herum verzauberte.
Er ließ sich neben Elvedin nieder und betrachtete still das Wunder dieser Nacht.
Als er seine Sinne wieder beisammen hatte und seine Gedanken wieder sortieren konnte, fragte er:
„Aber wieso hier? Weshalb bist du mit deiner hochschwangeren Frau nicht zu Hause geblieben, sondern hast dich mit ihr auf diese beschwerliche Reise gemacht?“
„Ich hatte vorhin angefangen zu erzählen, wie unmöglich unsere Beziehung für unsere Familien ist. Wir haben versucht uns in die Wünsche unserer Familien zu fügen, aber es ging nicht, die Liebe zwischen uns war zu stark um sie zu ignorieren. Schließlich haben wir heimlich geheiratet, weil wir dachten, das würde die Gemüter besänftigen – aber genau das Gegenteil war der Fall. Eine Zeit lang konnten wir Anwars Schwangerschaft verheimlichen, doch als es zu offensichtlich wurde, mussten wir fliehen – sie hätten sie und das Kind sonst umgebracht.“
„Liebe lässt sich nicht vorschreiben, wohin sie zu fallen hat“, ertönte Anwars glockenhelle Stimme. „Wir haben versucht sie zu ignorieren, weil sie uns beide in große Bedrängnis gestürzt hat. Wir haben versucht sie zu verleugnen, unsere Augen auf andere potenzielle Partner zu werfen – es hat nicht funktioniert. Das Band zwischen uns ist so stark als würden wir uns seit einer halben Ewigkeit kennen, und es wird immer stärker. Liebe lässt sich nicht vorschreiben, wohin sie zu gehen hat. Liebe ist einfach. Und Liebe bleibt.“
„Das ist eine wundersame Geschichte, die ihr hier erzählt“, sagte Said. „Ich verstehe wohl, dass es Kräfte gibt, die so stark sind, um Menschen aneinander oder an einen bestimmten Weg zu binden.“
Anwar nickte. „Die gibt es zweifelsohne. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass jeder Mensch irgendwann im Leben seine große Liebe trifft, sei es die Liebe zu einem bestimmten Menschen, einer bestimmten Tätigkeit oder zu einem bestimmten Ort. Und in dieser Liebe erhalten wir Zugang zum göttlichen Urgrund des Lebens, der durch alles hindurch scheint – uns fehlt nur manchmal die Sensibilität um das wahrzunehmen.“
Nachdem alles gesagt war, versanken sie in Stille. Und während Said das Paar mit dem Kind betrachtete, das friedlich eingeschlafen war, dachte er bei sich: „Die ganze Welt in einem Zelt: All das Drama, all die Katastrophen, die Ausweglosigkeit – aber auch all die Liebe, die Hoffnung, das aufblühende Leben.“ Bei diesen Gedanken fielen ihm die Augen zu.

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