Mittwoch, 17. Dezember 2014

Die Reise des Kriegers Said - Episode 6: Schatten der Vergangenheit



„Aber wieso bist du nicht mehr an der Seite von Fouad, wenn eure Verbindung so einzigartig ist?“ Elvedins Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.
„Unsere Verbindung ist nicht abgerissen, das ist nicht der Punkt. Eines Tages sind wir in einen Hinterhalt geraten, das war eine ganz üble Geschichte, eine Intrige. Wir haben uns gar nicht schlecht geschlagen und konnten unseren Verfolgern zunächst auch entkommen. Wir rannten durch den Wald, kreuz und quer durchs Dickicht, aber unsere Verfolger waren im Vorteil, weil sie sich dort einfach besser auskannten. Irgendwann hatten sie uns aufgespürt und kamen uns gefährlich nahe. Sie schossen Pfeile ab, und einer davon hätte Fouad um ein Haar erwischt, wenn ich ihn nicht mit dem Fuß abgefangen hätte. Er prallte aber nicht an meinem Fuß ab, sondern er durchbohrte ihn und nagelte meinen Fuß auf dem Erdboden fest. Ich kam nicht mehr von der Stelle. Ich hatte die Entscheidung getroffen, Fouad mit meinem Fuß den Pfeil vom Leib zu halten und damit sein Leben zu retten. Nun musste ich eine weitere Entscheidung treffen: Wenn ich nichts tat oder auf der Stelle kämpfte, würde es uns sicher das Leben kosten, unsere Verfolger waren schon ganz nahe – wenn ich diesen Angriff allerdings überlebte, konnte ich so vielleicht meinen Fuß und meine Arbeitskraft retten. Wenn ich den Pfeil aber mit Gewalt herauszog, konnte ich vielleicht mein Leben retten, würde aber wohl für den Rest meines Lebens ein Krüppel bleiben. Ich entschied mich für Letzteres.“
„Um Himmels willen! Du musst ja wahnsinnige Schmerzen gehabt haben!“
„Ja, die hatte ich. Doch auch darauf wurden wir in At-Ta’ir trainiert: Uns auf das Wesentliche zu konzentrieren. Und das bedeutet manchmal eben auch Schmerzen zu ertrage, oder wie in diesem Fall starke Schmerzen. Nachdem ich den Pfeil herausgezogen hatte, sammelte ich all meine Sinne wieder ein und konzentrierte mich darauf, Fouad aus der Gefahrenzone zu bringen. Das Glück war uns hold, denn nach einem kurzen Wegstück stolperten wir über eine gut getarnte Höhle, die unsere Verfolger wohl nicht kannten und konnten uns dort verstecken, bis die Palastwache zu unserer Verstärkung eintraf. Als die Männer da waren und ich die alleinige Verantwortung für Fouads Sicherheit abgeben konnte, brach ich zusammen – ich weiß nicht mehr, wie ich in unser Lager gekommen bin, sie müssen mich getragen haben.“
„Said, du bist ein mutiger Mann.“
„Mutig oder todesmutig? Denn meine Entscheidung hatte weitreichende Konsequenzen: Mein Fuß war nachhaltig geschädigt und heilte nur sehr langsam, du siehst, auch jetzt kann ich ohne Stock kaum drei Schritte gehen. Das bedeutet auch, dass ich meine Aufgabe als Fouads Leibwächter nicht mehr erfüllen kann und von Nabil von meinem Eid entbunden wurde.“
„Würdest du dich wieder so entscheiden?“
„Ja.“

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