Mittwoch, 10. Dezember 2014

Die Reise des Kriegers Said - Episode 4: Das Ziel des Krieger



„Also schön, junger Elvedin“, sagte Said. „Dann höre die Geschichte eines alten Mannes.“
„So alt bist du nun auch wieder nicht“, entgegnete dieser.
„Aber ich fühle mich wie ein Greis, und in der Zeit, von der ich dir erzählen will, war ich wirklich jung. Also hör zu: Kurz nachdem ich in dieses für mich fremde und zunächst unwirtliche Land gekommen war, war ich nach At-Ta’ir gelangt, wo ich zum Krieger ausgebildet wurde. Es war eine harte Ausbildung, und so mancher der Kameraden, die mit mir angefangen hatten, gab unterwegs auf. Wir waren eine feste Gemeinschaft und achteten unsere Lehrer, die uns nicht nur in Kampftechniken, sondern auch in Musik, Philosophie, Konversation und handwerklichen Techniken unterrichteten.“
„Ich habe gehört, At-Ta’ir soll eine riesige Bibliothek besitzen. Ist das wahr?“
„Die größte, die ich je gesehen habe, man konnte sich wahrlich in ihr verlaufen.  Nachdem unsere Lehrzeit und unsere Abschlussprüfung beendet waren, wurden wir in die Welt hinaus geschickt. Bereits während unserer Ausbildung kamen immer wieder Abgesandte der hohen Häuser vorbei um unsere Fortschritte zu sehen und unsere Eignung für ihre Bedürfnisse zu prüfen. Da ich einer der Besten war, hatte Nabil höchst selbst ein Auge auf mich geworfen, er wohnte sogar meiner Abschlussprüfung bei.“
„Was war das für eine Prüfung?“
„Das kann ich dir leider nicht sagen, das Geheimnis muss gewahrt bleiben.“
„Schade, aber das verstehe ich.“
„Jedenfalls nahm Nabil mich gleich nach meiner Abschlussprüfung mit nach Alban Eilir, ich sollte der Leibwächter seines Sohnes Fouad werden. Ich erinnere mich an jedes Wort des Eides, den ich Nabil in Almudena auf dem Weg nach Alban Eilir geschworen hatte: Ich schwor als Schützer des Lebens, der ich als Krieger von At-Ta’ir ohnehin war, in besonderer Weise Fouad zu schützen, seinen Ruf zu wahren und sein Leben zu schützen, wenn es sein musste mit meinem eigenen Leben. Dies schwor ich noch bevor ich Fouad je zu Gesicht bekommen hatte. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, ob Fouad ein grenzenlos verwöhntes Prinzlein sein würde, der mir meinen letzten Nerv rauben oder ob wir gut miteinander auskommen würden.
Zunächst war unsere Verbindung rein geschäftlich, auch wenn wir uns vom ersten Augenblick an sympathisch waren. Mit der Zeit lernten wir einander immer mehr zu schätzen. Irgendwann war die Verbindung zwischen uns so stark, dass ich sogar im Schlaf merkte, wenn Fouad bedroht wurde.“
„Tatsächlich? Erzähl!“
„Oh, Fouad ist eine bedeutende Persönlichkeit, da gab es so manchen, der ihm ans Leder wollte.“
„Gab? Heißt das es ist vorbei?“
„Es ist nicht mehr so schlimm wie es einmal war, aber die Gefahr ist nicht vollständig gebannt. Fouad ist nun mal kein Prinz, der in seinem Elfenbeinturm sitzt und sein Volk nur von Weitem sieht, sondern er will ein Prinz zum Anfassen sein, einer der weiß, für wen er regiert. Das ist zwar gut für sein Ansehen und seine Regierungstätigkeit, aber ein Alptraum für jeden Bodyguard. Da hat es uns die Tatsache sehr erleichtert, dass ich mich nicht nur auf meine Augen und Ohren verlassen muss, sondern dass ich aufgrund unserer engen Verbindung fühle, wenn ihm Gefahr droht. Fouad ist keiner, der sich gerne einsperren lässt, und so war es auch an diesem Abend: Er war mit Freunden zusammengewesen, denen er vertraute, und hatte sich dann zurückgezogen, mir hatte er für den Abend freigegeben. Als ich auf meinem Nachtlager lag erwachte ich auf einmal davon, dass ich den kalten Stahl einer scharfen Klinge an meiner Kehle spürte. Blitzschnell öffnete ich die Augen, doch da war niemand in meiner Kammer. „Fouad!“, durchzuckte es mich. Ich sprang auf, eilte durch den dunklen Flur zu ihm und öffnete leise die Tür seines Gemachs. Tatsächlich, er war nicht allein. Sein weißes Nachtgewand strahlte im Mondlicht, so dass ich ihn gut erkennen konnte. Hinter ihm stand eine große dunkle Gestalt, die ihn festhielt und ihm ein Messer an die Kehle hielt, ich sah sogar etwas Blut auf Fouads Nachtgewand tropfen. „Ein Wort, und ich bringe dich um“, drohte die Gestalt. Fouad schwieg, und der Dunkle war so damit beschäftigt, Fouad in die von ihm gewünschte Richtung zu schieben, dass er mich nicht bemerkte. So konnte ich mich ihm lautlos nähern und ihn überwältigen.“
„Habt ihr herausbekommen, was der Fremde von Fouad wollte?“
„Ja, er sollte Fouad entführen und zu seinem Auftraggeber bringen, dieser wollte ihm dann mit eigener Hand die Kehle durchschneiden.“
„Wie gut, dass du da warst!“
„Ja, sonst wäre Fouad wohl nicht mehr am Leben.“
„Diese Verbindung zwischen euch – war sie immer so stark?“
„Nein, sie war nicht immer gleich stark. Am stärksten war sie in Situationen, in denen wir uns besonders nahe waren oder in denen Fouad in Gefahr war.“
„Said, das ist wahrlich ein Geschenk.“
„Du sagst es, das ist es.“

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