Mittwoch, 3. Dezember 2014

Die Reise des Kriegers Said - Episode 2: Wie alles begann



Er öffnete langsam die Augen.
Es war schon spät am Tag, aber wegen des Dickichts, in dem er geschlafen hatte, und wegen des verhangenen Himmels war er nicht früher erwacht. Vielleicht tat auch die letzte Nacht ihr Übriges dazu: Er hatte wahrlich nicht gut geschlafen, wirres Zeug geträumt uns sich auf den Baumwurzeln hin- und hergewälzt – er war in den letzten Jahren wahrlich luxuriösere Schlafstätten gewohnt gewesen!
Nun krabbelte er aus dem Dickicht hervor, pflückte sein Bündel und seinen Stock aus dem Blättergewirr und suchte eine offene Lichtung um ein Feuer zu machen. Mit klammen Fingern klaubte er ein wenig Laub und Holz zusammen, und nachdem er das Feuer in Gang gebracht und sich daran ein wenig die Finger gewärmt hatte, stellte er seinen Kessel darauf und goss den letzten Rest Wasser aus seiner Trinkflasche hinein. Aus den Tiefen seines Bündels brachte er eine kleine Menge wohlriechender Gewürze ans Tageslicht und gab sie zu dem Wasser im Kessel – der letzte greifbare Rest, der ihn mit dem Land verband, aus dem er einst gekommen war: Nelken – sie waren das Lieblingsgewürz seiner Mutter. Kardamom – damit hatte sein Vater seinen Kaffee gewürzt. Und Pfeffer – nie hatte ihm eine Suppe ohne Pfeffer geschmeckt. Als die Gewürzmischung im Kessel eine Weile blubbernd gekocht hatte, nahm er seinen Becher und gab eine kleine Menge Honig hinein – diese süße Versuchung hatte er erst in diesem Lande kennengelernt. Er goss den Gewürzsud darüber und sah zu, wie sich der Honig langsam auflöste. Mit dem Honig lösten sich auch die Verspannungen in seinem Kopf, und während er den Duft des würzigen Tees mit der Nase einsog, fühlte er sich an einen weiteren Ort aus seiner Vergangenheit erinnert: At-Ta’ir.
„At-Ta’ir.“ Nachdem er diesen Namen ausgesprochen hatte, schwiegen seine Gedanken lange.
Er war als junger Mann nach At-Ta’ir gekommen, kurz nach seiner Ankunft in diesem Land, das ihm zunächst kalt und unwirtlich erschienen war. In dem Winter, in dem er ankam, hatte ihm ein alter Mann den Weg dorthin gewiesen, und er hatte kurz nach seiner Ankunft dort einen Becher mit Gewürztee erhalten, um seine kalten Glieder zu erwärmen. Die genaue Zusammensetzung des Tees war ein eisern gehütetes Geheimnis des Küchenmeisters, aber er bildete sich ein, die Mischung ganz gut herausgebracht zu haben.
Noch einmal atmete er den Duft tief ein, bevor er einen Schluck von dem heißen Getränk nahm und nachspürte, wie der Geschmack sich überall in seinem Mund ausbreitete, wie die Flüssigkeit seine Kehle hinab rann und jeder Winkel seines Körpers von Wärme erfüllt wurde.
Das gehörte zu den Dingen, die man ihm in At-Ta’ir als erstes beigebracht hatte: Sich ganz auf eine Handlung zu konzentrieren, nicht an das Vorher oder Nachher zu denken, sondern ganz bei dem zu sein, was man gerade tat. Gleich ob es das Trinken von Tee, das Zusammenlegen der Kleidung oder das Kehren des Hofes war: Es geschah ganz im Jetzt.
Erst wenn man das beherrschte, wurde man zur zweiten Stufe zugelassen: Dem körperlichen Training der konkreten Techniken. Denn nur wenn ein Krieger sich ganz auf das konzentrieren konnte, was er tat, war er ein guter Krieger, denn ein Kampf geschieht in der Gegenwart, nicht in der Vergangenheit oder der Zukunft.
Said trank den letzten Schluck aus seinem Becher. Diese Erinnerung an die Konzentration auf den Augenblick hatte ihn zusammen mit dem Tee so sehr erfrischt, dass er aufbrechen konnte. Er packte sein Bündel, löschte das Feuer, stützte sich auf seinen Stock und ging los.

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