Dienstag, 11. November 2014

Leben im Angesicht des Todes



Oh mein gütiger Vater,
Ich habe meine Tage oft damit vergeudet, Pläne zu schmieden.
Das hier war nicht so geplant.
Ich möchte dich in diesem Moment nur um eines bitten:
Lass mich in den nächsten Stunden nicht mutlos sein.
Für alles, was wir hätten denken müssen und niemals gedacht haben,
Für alles, was wir hätten sagen müssen und niemals gesagt haben,
Für alles, was wir hätten tun müssen und niemals getan haben:
Ich bitte dich, Gott, um Vergebung.

So betet Ahmed Ibn Fahdlan in Der 13. Krieger im Angesicht des Todes.
Er begleitet – als einziger arabischer Gesandter und Nichtkrieger – eine Schar von 12 Kriegern der Nordmänner, um eine Bestie zu bekämpfen.
Aber es stellt sich heraus, dass es bei dieser Unternehmung – und beim Krieger werden überhaupt -  nicht nur um die Bestie als äußere Bedrohung geht, die es zu bekämpfen gilt, sondern dass auf diesem Weg auch innere Bestien warten, denen er sich stellen muss.

Es mag zwar cool aussehen ein Krieger zu sein, aber darum geht es eigentlich nicht.
Gichin Funakoshi (1868-1957), der Gründer des modernen Karate, schrieb in seinem Werk Karate-Dô Nyûmon:

 Karate-Dô ist eine noble Kunst und jene, die stolz darauf sind, Bretter zu zerbrechen oder Ziegel zu zerschlagen, oder damit angeben, außergewöhnliche Taten zu vollbringen, wie Fleisch in Streifen zu reißen oder Rippen herauszuziehen, verstehen in Wirklichkeit nichts von Karate. Sie spielen in Blättern und Zweigen eines großen Baumes herum, ohne die geringste Ahnung vom Stamm zu haben.

Der Baum steht für den gesamten Weg des Kriegers, und der Stamm für seine Ausbildung – es braucht lange, bis ein Baum einen stabilen Stamm entwickelt hat, der eine große Krone tragen kann, und genauso ist der Weg des Kriegers, der Weg der Disziplin und des Kampfes gegen sich selbst, ein langer.
In den meisten Kampfkünsten geht es nicht nur um das Erlernen bestimmter Techniken für den Nahkampf, sondern auch um die Vervollkommnung des Charakters. Schon früh gelangte man zu der Erkenntnis, dass Kämpfer, die gefährliche Waffen besaßen und tödliche Techniken beherrschten, ohne einen Verhaltenskodex eine Gefahr darstellten.
Insbesondere im Karate spielt die Etikette eine große Rolle. Mit Respekt beginnt alles und endet alles. Weder man selbst noch der Trainingspartner soll verletzt werden. Die Ausbildung des Geistes hat Vorrang vor dem Ausbilden der körperlichen Fähigkeiten – auch wenn letzteres für sich genommen schon eine große Herausforderung ist. Dennoch müssen beide in Harmonie zueinander stehen, der vollendete Krieger ist der, der beides beherrscht – und dennoch wird die Vollkommenheit nie ganz erreicht, doch bleibt sie das höchste Ziel. Der Weg des Kriegers ist ein Lebensweg.

Jeder, der seine Kampfkunst ernst nimmt, muss sich später mit zwei Seiten derselben Medaille auseinandersetzen:

Ikken hisatsu.   Mit einem Schlag töten.

Die Technik muss so gut sitzen, so präzise sein, dass sie auf einen Schlag töten kann, denn im Ernstfall bekommt man vielleicht keine Chance für einen zweiten Schlag.
Das bedeutet: Wenn ich meine Technik präzise ausführe, könnte sie tödlich sein, könnte ein anderer Mensch durch mein Tun ums Leben kommen.
Und: Wenn die Technik meines Gegners präzise ausgeführt wird, könnte diese mich töten.
Das bedeutet Leben im Angesicht des Todes: Jede Technik, selbst wenn sie im Training ausgeführt wird, kann im ungünstigsten Fall ein Leben beenden.
Wer sich der Möglichkeit des Todes bewusst ist lebt bewusster, atmet sogar bewusster.

Und das bedeutet auch: Man muss eine Entscheidung treffen.
Man kann nicht ein bisschen ein Krieger sein. Ein Ein-bisschen-Krieger ist bei der nächsten Auseinandersetzung einen Kopf kürzer.

Entscheiden, was entschieden werden muss.
Sagen, was gesagt werden muss.
Tun, was getan werden muss.

Bewusst lebt es sich gut.
Und dann kann man auch einen weiteren Rat von Gichin Funakoshi gut beherzigen:

Hatsuun jindô. – Lass die Wolken ziehen, gehe deinen Weg.

Lauf nicht den Wegen der Anderen hinterher, denn sie haben ihre Entscheidungen getroffen, die nicht deine sind, auch wenn sie ihnen manchmal ähneln mögen.
Jeder Weg ist so individuell wie die Person, die ihn geht.
Zu treffende Entscheidungen sind Weggabelungen, manchmal auch Wendepunkte.
Wenn wir uns nicht entscheiden bedeutet das nicht, dass wir unsere Lebenszeit verlängern oder dass wir uns nicht verabschieden müssten.
Wenn wir uns nicht entscheiden verwirrt das unseren Weg, wir gehen mal hierhin, mal dorthin und laufen vielleicht sogar Gefahr unseren roten Faden zu verlieren.

Unser Weg hat ein Ziel.
Unser Weg hat ein Ziel, auch wenn wir es vielleicht nicht immer klar erkennen können.
Und wir sind aus einem bestimmten Grund hier, wir haben eine Aufgabe.

Je klarer unser Weg vor uns liegt, umso besser können wir nachvollziehen wie die Nordmänner im 13. Krieger angesichts des Todes sagen:

Dort treffe ich dann meinen Vater,
Dort treffe ich meine Mutter, meine Schwestern und meine Brüder.
Dort treffe ich dann alle Menschen meiner Ahnenreihe von Beginn an.
Sie rufen bereits nach mir.
Sie bitten mich, meinen Platz zwischen ihnen einzunehmen
Hinter den Toren von Walhalla,
Wo die tapferen Männer für alle Ewigkeit leben.

Wenn mein Weg hier zu Ende geht, treffe ich dort meine Ahnen und die, die mir auf die ein oder andere Weise verbunden waren.
An jenem jenseitigen Ort werden sich unsere Wege wieder kreuzen, und wir werden Gelegenheit dazu haben Ungesagtes zu sagen und Unheiles heilen zu lassen.

Doch jetzt bin ich hier und treffe heute meine Entscheidung für ein Leben in bewusster Gegenwart und Fülle.




Video-Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=WanOFPfmcnI


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