Mittwoch, 15. Oktober 2014

Das Mädchen ohne Hände – Teil 1



Wirf einen Blick auf deine Hände. Schau dir an wie sie geformt sind. Bewege die Hände ein bisschen und fühle ihre Stärke und Beweglichkeit. Jetzt öffne die Hände mit der Handfläche nach oben und erinnere dich daran, wie es sich anfühlt, wenn du sie unter einen Wasserstrahl hältst: Wie du zuerst leicht die Feuchtigkeit des Wassers an den Fingern spürst, dann den Druck des Wasserstrahls auf deinen Handflächen. Spüre nach wie sich das Gewicht des Wassers in deinen Händen anfühlt, und wie es nachlässt, wenn du die Hände zur Seite drehst. Unsere Hände sind uns treue Begleiter. Was hast du heute schon mit ihnen gemacht? Morgens den Wecker ausgestellt, die Bettdecke zurückgeschlagen, Zähne geputzt, dich gekämmt, Türen geöffnet und geschlossen, elektrische Geräte bedient… Könntest du dich ohne Hände anziehen?

In der Geschichte, die ich euch heute erzählen will, geht es auch um Hände.

Vor langer Zeit lebte einmal ein Müller mit seiner Frau und seiner Tochter. Sie hatten gerade so ihr Auskommen und besaßen außer der Mühle nur noch einen Apfelbaum, der hinter der Mühle stand. Als der Müller eines Tages im Wald unterwegs war um Holz zu hacken, begegnete ihm dort ein Fremder, der ihm anbot ihn reich zu machen. „Das hört sich gut an“, sagte der Müller. „Doch du willst dafür doch bestimmt etwas haben?“ – „Ja, in der Tat. Gib mir das, was hinter deiner Mühle steht, dann werden deine Truhen überquellen und du musst keine Not mehr leiden.“ – „Den Apfelbaum können wir wohl entbehren“, dachte der Müller, willigte ein und ging nach Hause um nachzuschauen ob der Fremde die Wahrheit gesprochen hatte. Als ihn seine Frau kommen sah lief sie ihm entgegen um ihm von den Neuigkeiten zu berichten: „Stell dir vor was passiert ist: Auf einmal laufen unsere Truhen vor Gold und Geschmeide über, und lauter edle Gewänder liegen in unseren Schränken. Weißt du wie sich das zugetragen hat?“ Da berichtete der Müller was sich im Wald zugetragen hatte. „Du oller Dummkopf“, fuhr ihn seine Frau an. „Gerade in dem Moment, als du dein Versprechen gegeben hast, stand unsere Tochter hinter der Mühle und fegte den Hof. Der Fremde wird der Teufel gewesen sein!“ Der Müller war entsetzt und überlegte, was jetzt zu tun sei. Sie einigten sich darauf, der Tochter zunächst nichts davon zu sagen, da der Fremde seinen Tauschwert erst in drei Jahren abholen wollte. „Wer weiß, in drei Jahren kann viel passieren…“, sagten sie.
Doch auf den Tag genau nach drei Jahren tauchte der Teufel beim Müller auf und sagte zu ihm: „Morgen werde ich deine Tochter holen kommen.“ Da musste er seiner Tochter die Geschichte erzählen. Weil sie ein frommes Mädchen war betete sie die ganze Nacht, dann wusch sie sich und zog mit Kreide einen Kreis um sich. Der Teufel konnte ihr so nicht nahe kommen. Wütend befahl er dem Müller: „Nimm ihr das Waschzeug weg. Morgen komme ich wieder!“ Der Müller tat es, aber da seine Tochter die ganze Nacht auf ihre Hände geweint hatte waren sie ganz rein und der Teufel konnte sie wieder nicht holen. „Hack dem Gör die verdammten Hände ab!“ befahl der Teufel. „Sonst nehme ich dich mit, wenn ich morgen wiederkomme.“ Der Müller war zutiefst erschrocken, aber er fürchtete sich sehr vor dem Teufel. „Mein liebes Kind“, sagte der Müller zu seiner Tochter, „der Teufel hat befohlen, dass ich dir die Hände abhacke, sonst will er mich morgen holen. Ich habe doch solche Angst vor ihm!“ – „Tu nur wie er gesagt hat, lieber Vater. Ich bin ganz in deiner Hand.“ So hieb er ihr die Hände ab. Doch weil sie in der Nacht auf ihre Stümpfe weinte waren sie ganz rein als der Teufel kam, und er konnte sie wieder nicht holen. Wutschnaubend zog er von dannen. Als der Teufel weg war, war die Familie des Müllers sehr froh. „Bleib bei mir, meine Tochter“, sagte der Müller. „Von dem Reichtum, den uns der Teufel beschert hat, soll’s dir an nichts fehlen.“ Doch die Tochter überlegte: Sollte sie wirklich hier bleiben? Oder sollte sie, hilflos ohne ihre Hände, in die Welt hinausziehen?

Wie würdest du dich an ihrer Stelle entscheiden? Und was würdest du zu Vater und Mutter sagen?

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