Donnerstag, 12. Dezember 2013

"Von drauß' vom Walde komm' ich her..."



„Freut Ihr Euch auf Weihnachten?“
Wenn ich in den letzten Tagen diese Frage gestellt habe, kam oft die Antwort: „An für sich schon. Aber der Stress vorher! So ab dem 20., 21. Dezember, da fängt für mich Weihnachten an.“
„Und was ist für Euch das Wichtigste an Weihnachten, was darf auf keinen Fall fehlen?“
Viele nennen da den Tannenbaum, die zauberhafte Lichterstimmung, aber noch wichtiger sind vielen die Familie, das gemeinsame Essen, die gemeinsam verbrachte Zeit.
Erinnerungen an frühere Jahre unterm Christbaum werden wach, wie man damals mit großen Augen den noch viel größeren Tannenbaum aus einer anderen Perspektive angeschaut hatte, die Äuglein genauso glänzend wie die vielen Kerzen, und vielleicht trug jemand das bekannte Weihnachtsgedicht vor: „Von drauß’ vom Walde komm’ ich her, ich muss euch sagen, es weihnachtet sehr…“
Vor den Augen zieht ein verschneiter Wald herauf, Erinnerungen an weihnachtliche Schneespaziergänge werden wach – doch lasst uns einmal einen genaueren Blick auf dieses Gedicht werfen:

Von drauß' vom Walde komm ich her;
Ich muss euch sagen, es weihnachtet sehr!
Allüberall auf den Tannenspitzen
sah ich goldene Lichtlein sitzen;
Und droben aus dem Himmelstor
sah mit großen Augen das Christkind hervor;

Und wie ich so strolcht' durch den finstern Tann,
da rief's mich mit heller Stimme an:
"Knecht Ruprecht", rief es, "alter Gesell,
hebe die Beine und spute dich schnell!
Die Kerzen fangen zu brennen an,
das Himmelstor ist aufgetan,

Alt' und Junge sollen nun
von der Jagd des Lebens einmal ruh’n;
Und morgen flieg ich hinab zur Erden,
denn es soll wieder Weihnachten werden!"

Ich sprach: "O lieber Herre Christ,
meine Reise fast zu Ende ist;
Ich soll nur noch in diese Stadt,
wo's eitel gute Kinder hat."

- "Hast denn das Säcklein auch bei dir?"
Ich sprach: "Das Säcklein, das ist hier:
Denn Äpfel, Nuss und Mandelkern
essen fromme Kinder gern."

- "Hast denn die Rute auch bei dir?"
Ich sprach: "Die Rute, die ist hier;
Doch für die Kinder nur, die schlechten,
die trifft sie auf den Teil, den rechten."
Christkindlein sprach:" So ist es recht;
So geh mit Gott, mein treuer Knecht!"

Von drauß' vom Walde komm ich her;
Ich muss euch sagen, es weihnachtet sehr!
Nun sprecht, wie ich's hier innen find!
Sind's gute Kind, sind's böse Kind?

Theodor Storm (1817-1888), „Knecht Ruprecht“

Vielleicht erinnern sich einige noch an die Bilder eines buckligen alten Mannes mit einem schweren Sack auf den Schultern, der dem Christkind bei seiner Arbeit hilft – doch halt, ist da nicht auch von einer Rute die Rede? „Doch für die Kinder nur, die schlechten, die trifft sie auf den Teil, den rechten.“ Die Guten werden belohnt und die Bösen bestraft, beim ersten Hinhören hört sich das gerecht an. Aber wer sagt eigentlich, was gut und was böse ist? Und wie empfinde ich mich? Als gut? Als böse? Als etwas dazwischen? Viele Menschen tragen noch die Erinnerung in sich, dass sie als Kinder nach der Pfeife eines anderen tanzen mussten und bei nicht entsprechendem Verhalten – oder nach Lust und Laune – körperlich gezüchtigt wurden.
Stellen wir uns so Gott vor? Als jemanden, der uns nach seinem Gutdünken belohnt oder bestraft und bisweilen unberechenbar ist? Aber es braucht gar nicht unbedingt einen Gott, der uns in unseren Gedanken bestraft – oft tun wir das selbst. Es fällt schwer, sich die eigenen Fehler zu vergeben, wirklich zu vergeben, die Vergangenheit heilen zu lassen und einen neuen Schritt nach vorne zu wagen. Anderen zu vergeben ist da oft einfacher, aber manchmal fordert auch das gewaltige Kraft. Und sich selbst einzugestehen, dass einem das schwerfällt – das ist schon der erste Schritt dazu, die Vergangenheit heil werden zu lassen und die Wunden der Vergangenheit nicht mit hinüber in die Zukunft zu schleppen.
Wie wäre es stattdessen mit diesem Gedicht:

Es geht ein heimlich Funkeln
durch alle Welt verhüllt.
Es steht ein Stern im Dunkeln,
die Zeit ist nun erfüllt.
Die Weisen in den Winden
sind aller Fragen satt.
Der Engel soll sie finden
der gute Botschaft hat.
Die Hirten in den Hocken
haben nicht Haus noch Licht.
Bald wird ein Wort frohlocken,
das heißt: Fürchtet euch nicht!
Ein Kindlein wird geboren
im Stall bei Ochs und Stier.
die Welt ist nicht verloren:
Das Himmelreich ist hier.

Rudolf Otto Wiemer (1905-1998), „Es geht ein heimlich Funkeln“


„Das Himmelreich ist hier.“ Weihnachten ist die Erinnerung daran, dass das Himmelreich nicht morgen, nicht nächstes Jahr, nicht irgendwann, sondern hier und jetzt ist. Ich muss nicht erst noch bestimmte Ziele erreichen, nicht erst noch geduldiger, mutiger, fleißiger oder was auch immer werden – es ist gut, dass ich jetzt dort bin wo ich bin und so wie ich jetzt bin. Auch uns gilt die Botschaft des Engels: „Fürchtet euch nicht!“
Lasst Euch von dem Licht des Sterns erfüllen, lasst es Eure Dunkelheiten erhellen, die Furcht vertreiben, Euch Wegweiser sein und vertraut darauf, dass Euer Weg ein gesegneter ist.

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