Freitag, 6. Dezember 2013

Nikolaus und die wundersame Kornvermehrung



In der Stadt Myra in der heutigen Türkei gab es im 4. Jahrhundert eine Hungersnot: In den Vorratskammern waren die Schüsseln und Krüge leer, noch nicht einmal die Mäuse fanden noch einzelne Körnchen. Nikolaus war zu dieser Zeit Bischof von Myra und machte sich Sorgen um diese kleine Stadt mit ihren Bewohnern, die ihm so am Herzen lag. Wo sollte er nur genug Korn für seine Stadt herbekommen? Auch rings um die Stadt gab es nichts mehr, weit und breit nicht.
Als er vor sich hin sinnierte kam er zum Hafen und blickte auf das Meer – weit und breit war kein Handelsschiff zu sehen, Aber was sollten sie hier in Myra auch einladen? Sie machten mittlerweile lieber woanders Geschäfte. Er seufzte. Doch was war das? Auf einmal sah er am Horizont ein Schiff auftauchen. Langsam kam es näher und machte im Hafen fest. „Wir kommen aus Alexandria in Ägypten und haben Korn für den Kaiser in Konstantinopel geladen. Können wir bei euch vielleicht Proviant und Wasser für die Mannschaft bekommen?“ – „Tut mir leid“, sagte Nikolaus. „Wir haben selbst kaum zu essen. Aber Wasser können wir euch anbieten.“
Allmählich strömten neugierig die Leute von Myra am Pier zusammen – ein so gut gefülltes Handelsschiff hatten sie schon lange nicht mehr gesehen! Und es waren auch einige junge Frauen mit Wasserkrügen dabei, die der Schiffsbesatzung zu trinken gaben.
Der Kapitän sah, wie gastfreundlich die Myrener waren, obwohl sie selbst kaum etwas zum Teilen hatten. Er war sehr bedrückt. „Ich sehe eure Not und würde euch gerne etwas von meiner Ladung abgeben. Aber das Korn wurde in Alexandria genau gewogen, und wenn ich nicht genau so viel in Konstantinopel abliefere, lässt mich der Kaiser töten. Ich will meinen Kopf nicht verlieren.“
„Ich sehe, dass du ein gutes Herz hast“, sagte Nikolaus und schlug ihm einen Handel vor: „Wie wäre es damit: Wir ziehen mit Kreide einen Strich entlang der Wasserkante am Schiffsrumpf und laden Korn vom Schiff. Wir schütten es auf den Pier und keiner nimmt davon ein Körnchen. Wenn sich die Kreidelinie aus dem Wasser hebt, tragen wir das Korn zurück an Bord. Aber wenn sich die Kreidelinie nicht hebt, dürfen wir das Getreide behalten.“
„Was für eine blödsinnige Idee, das klappt doch nie im Leben!“ rief einer der Matrosen. „Es weiß doch jedes Kind, dass ein Schiff sich aus dem Wasser hebt, wenn man die Ladung herunter trägt!“
Auch der Kapitän lachte. „Also gut. Lasst uns die Kreidelinie ziehen, und dann beginnt damit, das Korn abzuladen.“
Alle achteten darauf, dass der dazu beauftragte Leichtmatrose die Kreidelinie exakt entlang der Wasserlinie zog, dann begannen sie damit, das Korn zu entladen. Zunächst beteiligten sich nur die Myrener: Die Männer kamen mit Säcken, die Frauen mit Schalen und Krügen und die Kinder mit ihrem Spielzeugeimern. Währendessen machten sich die Matrosen einen Spaß daraus, ihnen bei der Arbeit zuzuschauen.
Nachdem sie schon ein ansehnlicher Berg Getreide auf dem Pier angesammelt hatte, unterbrach der Kapitän die Arbeit und inspizierte das Getreide im Laderaum und die Kreidelinie. „Das ist unglaublich!“ rief er aus. „Ihr habt so viel Getreide an Land gebracht, aber der Kreidestrich hat sich kein Stück aus dem Wasser gehoben und auch im Laderaum scheint nichts zu fehlen. Los, Männer, helft den Myrenern noch mehr Getreide an Land zu bringen!“ wies er seine Mannschaft an.
Jetzt halfen wirklich alle mit, Myrener und Matrosen, auch Nikolaus und der Kapitän, und hörten erst auf, als der Pier zu einem großen Teil mit Getreide bedeckt war. Auch jetzt hob sich die Kreidelinie nicht und das Auge konnte im Laderaum nicht erkennen, dass etwas fehlte.
„Hat dein Glaube all dies bewirkt?“ fragte der Kapitän. „Wie dem auch sei: Ich schenke euch das Getreide, denn offensichtlich hat hier eine größere Macht ihre Hand im Spiel.“
Die Myrener jubelten begeistert, und Nikolaus verteilte das Korn unter ihnen. Es war so viel, dass alle damit gut über den Winter kamen und noch genug übrig blieb, um es im Frühjahr auszusäen.
Als das Schiff nach ein paar Tagen wieder ablegte, waren aus Matrosen und Mykenern Freunde geworden und viele erzählten diese unglaubliche Geschichte weiter.

Diese Legende des Heiligen Nikolaus erinnert an die Speisung der Fünftausend (Mt 14):  Als Jesus eines Abends mit der großen Menschenschar um ihn herum zur Ruhe kommen will und danach fragt, was sie zu essen dabei haben, können nur fünf Brote und zwei Fische eingesammelt werden. Doch nachdem Jesus das Essen gesegnet hatte und an die Leute austeilen ließ, wurden alle satt, hinterher konnten sogar noch zwölf Körbe mit Brotkrumen eingesammelt werden.
Ein Prediger hat diese Stelle einmal so ausgelegt, dass jeder Angst um sein Proviant hatte als die Frage nach dem mitgebrachten Essen kam. „Wenn ich das jetzt hergebe, bekomme ich davon ja gar nichts mehr ab!“ Als die Leute jedoch sahen, dass andere auch teilten, packten sie das aus, was sie mitgebracht hatten und teilten es mit ihren Nachbarn.

Das eigene (auch wenn es nur wenig sein mag) mit anderen zu teilen und dadurch zu seiner Vermehrung beitragen – ein schöner Gedanke! Wenn wir das unsrige mit anderen teilen – sei es jetzt etwas zum Essen, Wasser, Liebe, Freundschaft, Trauer, ein bestimmtes Talent oder einfach Zeit – könnte das ein wunderschöner Advent werden.

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