Mittwoch, 4. Dezember 2013

Die goldene Violine



Paul stolperte immer tiefer in den dunklen Wald hinein.
Alles erschien ihm so sinnlos. Seine Arbeit, sein Mühen, seine Sorge – alles schien ihm im Sand zu verpuffen. Er kickte einen Stein vor sich her. Ja, genau so kam er sich gerade vor: Gestoßen, getreten, als Spielball des Alltags und seines Umfeldes. Immer der gleiche Trott, morgens aufstehen, hinein in die Tretmühle, arbeiten für ein Ziel, das nicht wirklich seines war, ausgepowert zurückkommen, Allfälliges erledigen, ins Bett fallen. Und dann wieder von vorne. Aber hatte er eine Alternative? Es musste doch weiter gehen!
Er geriet immer weiter in den Wald hinein. Das Licht wurde immer diffuser. Hinter den Bäumen schienen sich Schattenwesen zu verbergen, die ihm jeden Moment ins Genick springen konnten. Er schaute sich um: Überall schattenhafte Bäume, er konnte kaum den Weg erkennen, auf dem er hergekommen war, nach ein paar Metern schien er sich zwischen den Bäumen aufzulösen. Wo war er hier nur gelandet?
Panik erfüllte sein Herz. Was, wenn er aus diesem Schattenreich nicht mehr hinaus fand? Er drehte sich im Kreis, ging bald hier hin, bald dort hin ein paar Schritte – und kam sich bald noch verlorener vor als zuvor.
Mutlos setze er sich unter einen Baum, vergrub das Gesicht in beide Hände und gab sich der Verzweiflung hin. Alles brach auf einmal aus ihm heraus: Seine Wut, seine Trauer, sein Gefühl des Eingepferchtseins im Hamsterrad, seine Panik, dass dieser Zustand vielleicht nie enden könnte.
Irgendwann hob er seinen tränennassen Blick und schaute sich den Platz genauer an, an dem er saß. Seine Augen brauchten eine Weile, um sich an das diffuse Dämmerlicht zu gewöhnen. Nach und nach konnte er nicht nur die Umrisse der Bäume erkennen, sondern auch andere Details: Er sah das Moos an ihrer Rinde, die Blätter, die den Boden bedeckten, die kleinen Pflanzen, die daraus hervor wuchsen. Und was war das da, nicht weit von seinem linken Fuß entfernt? Aus einem Haufen an Laub und Erde schienen ihn zwei grüngoldene Augen anzublicken. Als er genauer hinschaute sah er, dass sie einer Erdkröte gehörten – er hatte noch nie eine Kröte mit so durchdringenden und tiefen Augen gesehen. Diese Augen verliehen der Kröte eine ganz eigene ungewöhnliche Schönheit, trotz ihrer warzigen Haut und ihrer Unscheinbarkeit.
„Na, wer bist du denn?“ sagte er zu ihr.
„Ich bin Cassiopeia“, antwortete sie.
Verwundert schaute er sie an. Er hatte nicht wirklich mit einer Antwort auf seine Frage gerechnet.
„Du kannst sprechen? Und du verstehst mich?“ stammelte er.
„Ja, sehr gut sogar.“
„Damit habe ich nicht gerechnet. In der Welt, aus der ich komme, gibt es keine sprechenden Tiere.“
„Vielleicht verstehst du auch einfach ihre Sprache nicht. Aber hier ist so manches anders“, antwortete sie. „Weshalb bist du hergekommen?“
„Ich weiß auch nicht so recht“, antwortete er. „Ich ging so vor mich hin und bin irgendwie hier gelandet.“
 Er schämte sich zuzugeben, dass er die Kontrolle verloren und sich hoffnungslos verirrt hatte.
„Du bist vom Weg abgekommen und weißt nun nicht mehr, wie du zurück kommst“, stellte sie fest.
„Ja“ gab er nun doch zu. „Kannst du mir helfen den Rückweg zu finden?“
„Willst du denn überhaupt zurück?“, entgegnete sie. „Wenn wir vom Weg abkommen, gibt es dafür für gewöhnlich einen Grund.“
„Hm.“ Konnte sie etwa Gedanken lesen?
„Bevor du zurück gelangen kannst – oder woanders hin – musst du erst einmal richtig hier ankommen.“
Er schaute sich um. Eigentlich war es hier gar nicht so übel. Mit der Zeit fand er den Wald direktermaßen gemütlich. Und in Cassiopeias Gesellschaft waren die Schatten auch nicht mehr so bedrohlich, er nahm seine Angst kaum noch wahr.
„Dein Zuhause gefällt mir immer besser“, sagte er.
„Ja, ich bin gerne hier“, sagte sie. „Siehst du die große Eiche dort drüben?“
Er blickte in die gewiesene Richtung. Dort stand eine mächtige Eiche, sie stand bestimmt schon lange hier. Er betrachtete ihren starken Stamm, dessen Rinde teilweise von Moos bedeckt war, ihre Krone schien bis in den Himmel zu reichen. Die Eiche strahlte eine majestätische Würde aus, fast schien es um sie herum ein bisschen heller zu werden. Er hörte das Rascheln ihrer Blätter, und jetzt hörte er auch das Abendlied, das die Vögel in ihren Zweigen sangen. Der Gesang der Vögel rührte sein Herz an.
„Du hast die Melodie deines Herzens verloren“, sagte Cassiopeia sanft.
„Um sie wiederzufinden ist ein ganzes Stück Arbeit erforderlich. Siehst du den Spaten am Fuß der Eiche?“
Tatsächlich lehnte da ein Spaten an ihrem Stamm. War er vorher schon da gewesen? Paul hatte ihn gar nicht gesehen.
„Grabe damit zwischen den beiden großen Wurzeln bis du den verborgenen Schatz findest.“
Ein verborgener Schatz? Das hörte sich irgendwie verlockend an.
Er ging hinüber zu der Eiche, nahm den Spaten in die Hände und begann zu graben.
An der Oberfläche war die Erde noch recht locker und gut abzutragen. Er hatte schnell eine kleine Vertiefung freigelegt. Doch je tiefer er kam, umso anstrengender wurde das Graben. Er spürte von dieser ungewohnten Tätigkeit schon bald seinen Rücken schmerzen, und seine Hände hatten sich auch schon einmal besser angefühlt.
„Willst du jetzt etwa aufgeben?“ hörte er Cassiopeias Stimme hinter sich, als er sich erschöpft auf den Spaten stützte.
Nein, natürlich wollte er nicht aufgeben. Aber so langsam machte er sich schon Gedanken darüber, was das für ein Schatz sein konnte, den er hier ausgraben sollte.  Außerdem war es mittlerweile richtig dunkel geworden, nur von einem Punkt am Stamm der Eiche ging ein pulsierendes Licht aus, gerade so als würde dort ihr Herz schlagen. Damit konnte er immerhin sehen, wo er grub.
Also, auf ein Neues. Spatenstich, Erde ausheben, neu ansetzen. Spatenstich, Erde ausheben, neu ansetzen. Er merkte, wie er mit der Zeit ruhiger wurde, im Rhythmus seiner Tätigkeit atmete, es geradezu genoss. Es schien ihm gar nichts mehr auszumachen, dass das Graben wirklich anstrengend war und er jetzt schon brusttief in dem von ihm ausgehobenen Loch stand.
Auf einmal spürte er, wie sein Spaten auf einen Widerstand stieß und legte langsam einen hölzerne Truhe frei, die etwa so breit war wie sein Spaten lang.
„Ja, du hast durchgehalten und es gefunden. Mach die Truhe auf!“ sagte Cassiopeia.
Er hievte die Truhe und sich selbst aus dem Loch, setzte sich an eine der beiden großen Wurzeln und öffnete die Truhe.
Darin lag eine wunderschöne goldene Violine mit dazugehörigem Bogen. Er nahm sie vorsichtig aus der Truhe. Es war ein gutes Gefühl, ihr Gewicht in den Händen zu spüren. Er schaute Cassiopeia an.
„Los, spiel darauf!“ sagte sie.
„Aber das kann ich doch gar nicht!“ warf er ein. „Ich habe noch nie zuvor solch ein Instrument in der Hand gehabt!“
„Probier es! Die Violine gehört dir!“
Er setzte den Bogen an, seine schwieligen Hände brachten zunächst nur kläglich zitternde Töne hervor. Doch Cassiopeia war eine gute Lehrmeisterin.
Als es langsam hell wurde war er so versunken in sein Spiel, dass er von der aufgehenden Sonne zunächst gar nichts mitbekam.
„Du hast deine Melodie gefunden“, sagte Cassiopeia. „Schau mal!“
Und richtig, am Fuß der Eiche, genau zwischen den beiden großen Wurzeln, begann sich eine grüne Ranke aus dem Erdreich zu schlängeln und sich im Rhythmus von Pauls Melodie hin- und herzuwiegen. Sie wuchs immer weiter und rankte sich um den Stamm der Eiche, die aufknospenden purpurfarbenen Blüten glänzten leicht golden in der Morgensonne – oder war es ein Abglanz der goldenen Violine?
Überwältigt setzte Paul die Violine ab.
„Cassiopeia, wie soll ich dir nur danken?“ stammelte er nach einer Weile.
„Das hast du doch schon getan. Deine Melodie hat diese wunderschöne Blütenranke erschaffen – sie wird hier bleiben und der majestätischen Eiche zu noch mehr Schönheit verhelfen, ihre Blüten werden den Insekten zur Nahrung gereichen und das Licht der Eiche strahlt dadurch noch ein bisschen heller. Jetzt bring die Truhe zurück in die Grube, bedecke sie mit dem Aushub und gib alle Sorgen mit hinein, mit denen du gekommen bist und lass sie los. Die Violine kannst du solange hier bei mir lassen.“
Paul legte die Violine auf das Moospolster, neben dem Cassiopeia saß, es war wie geschaffen für das kostbare Instrument. Dann tat er was sie ihn geheißen hatte, und er merkte, wie mit jeder Schaufelladung an Aushub, die er zurück in die Grube beförderte, mehr Gewicht von seiner Seele genommen wurde.
Dann sah er sich die zugeschaufelte Grube noch einmal genau an. Der Bereich zwischen den beiden großen Wurzeln sah fast aus wie vorher, die Erde würde bald von neuen Pflanzen bedeckt sein, und dahinter schlängelte sich wunderschön die Purpurblütenranke den Stamm entlang und zog schon die ersten blaugeflügelten Schmetterlinge an.
Nachdem er den Spaten wieder an den Stamm der Eiche gelehnt hatte, wie er ihn vorgefunden hatte, kehrte er zu Cassiopeia zurück.
„Jetzt ist es gut so“, sagte sie.
„Folge der Melodie deines Herzens, dann findest du nach Hause.“
Vor sich hin fiedelnd und Cassiopeia dankbar zulächelnd macht er sich auf seinen Weg, der zwischen den Bäumen aufzuleuchten schien.


Erstveröffentlichung im August 2013 auf Academia Aurata

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