Samstag, 16. Januar 2016

Was willst du – eine Welt voller Angst oder eine Welt voller Hoffnung?



Kaum war das neue Jahr angebrochen, da hat es uns voll erwischt.
Wir hören von Angriffen auf Frauen in Menschenmengen an Silvester und anderswann, von neuen Anschlägen, vom bösen arabischen Mann.
Doch das, was wir hören, sind zunächst einmal Gerüchte, und auch hier läuft es so, wie es mit Gerüchten nun einmal so läuft: Der erste erzählt’s dem zweiten, der zweite dem dritten und so weiter und so fort. Die Geschichte wird immer größer, bekommt immer mehr Details. Aus einem werden zehn, aus zehn werden hundert, aus hundert werden tausend.
Und es ist so wie es bei allen Gerüchten ist: Sie enthalten einen wahren Kern, aber es wird auch viel dazugedichtet. Manchmal beträgt der Wahrheitsgehalt 50%, manchmal aber auch nur 1%. Und je mehr Leute das Gerücht weitererzählen, umso geringer wird der Wahrheitsgehalt.

Ich bin entsetzt, wie häufig ich in den sozialen (und auch Print-) Medien in den letzten Tagen und Wochen Halb- oder überhaupt nicht Wahres gelesen habe, und als Reaktion darauf mehr oder weniger deutliche rechte Parolen, die auch von Leuten geteilt wurden, von denen ich das niemals gedacht hatte.
Ich habe Panik wahrgenommen.
Panik vor den bösen Ausländern, vor der abwesenden Politik, vor der unfähigen Polizei.
Panik davor, dass das Leben anders werden könnte – schlimmer.

Doch sei mal ganz ehrlich: Wenn du die Medien ausblendest – wie viel von diesen Horrormeldungen hast du in deinem persönlichen Umfeld direkt wahrgenommen?
Versteh mich nicht falsch: Ich möchte nicht kleinreden, dass schlimme Dinge passieren, und ich will auch nicht, dass wir wegschauen, wenn etwas passiert. Aber ich will, dass wir schauen, was da tatsächlich ist und die Welt realistisch betrachten und uns nicht von Vorurteilen und Panik leiten lassen.
Diese medial verbreitete Panik wurde irgendwann so stark, dass Ernst Michalek (https://twitter.com/ernst_michalek)  am 12. Januar twitterte: „Wer sich im Geschichtsunterricht gefragt hat, wie man in den 1930ern in so kurzer Zeit so viel Hass säen konnte, kann jetzt live zuschauen.“

Wollen wir ein Leben in Angst und Panik?
Nein. Ich jedenfalls nicht.
Willst du dich von deiner Angst regieren lassen oder von deinem Hirn?

Es gibt niemanden, der jetzt gleich um die Ecke kommt und uns sagt: „Alles wird gut. Geh beruhigt schlafen, morgen ist alles wieder heile.“
Aber wir können etwas dafür tun, dass es besser wird.

Wie wäre es dann für dieses Jahr mit diesen Vorsätzen:
Lies erst den gesamten Beitrag und nicht nur die Überschriften, bevor du ihn teilst.
Informiere dich darüber, ob die Inhalte aus einer seriösen Quelle stammen.
Halte dich fern von Vorurteilen - die Welt besteht nicht nur aus schwarz und weiß.
Verbreite keine Panik.
Suche nach alternativen Quellen.
Finde kleine, besondere Projekte.
Teile deine Ideen und die von anderen, um diese Welt zu einem besseren, lebenswerteren Ort zu machen.
Säe kleine Samen, die die Welt bunter und fröhlicher werden lassen.
Verbreite Hoffnung.

Nein, wir sind nicht ohnmächtig den Wirren unserer Zeit ausgeliefert.
Wir haben Macht.
Wir sind die Macht.
Wir sind die Macht, die mit darüber entscheidet, ob unsere Welt hoffnungsvoller oder angstvoller wird, ob sie besser oder schlechter wird.

Es ist deine Entscheidung, ob deine Posts diese Welt besser oder schlechter machen – nutze sie!


Es freut mich, wenn du diesen Aufruf teilst und vervielfältigst.


What do you want – a world full of fear or a world full of hope?



The New Year had barely begun, it pretty badly got us.
We hear from assaults onto women in crowds on New Year’s Eve and elsewhen, of new attempts, of the evil Arab man.
But what we hear are at first rumours, and even here it goes how it simply goes with rumours: The first tells it to a second one, the second one to a third one and so on and so forth. The story becomes bigger and bigger, gets more and more details. One becomes ten, ten become a hundred, and a hundred becomes a thousand.
And it is as it is with all rumours: They contain a true core, but a lot is trumped up to it, too. Sometimes the true content lies at 50%, but sometimes even at 1%. And the more people circulate the rumours the lower becomes the true content.

I am startled how often I read in the last days and weeks in the Social (and also Print) Media half or not at all true things, and as a reaction to it more or less obvious right-winged slogans which were shared even by people I had never thought they would.
I perceived panic.
Panic of the evil strangers, of the absence politics, of the incapable police.
Panic of life becoming different – worse.

But just be really truthful about it: If you leave the media aside – how much of these horror stories did you perceive directly in your personal surrounding?
Don’t get me wrong: I don’t want to play down that bad things happen, and I don’t want us to look away if something happens. But I want us to look what indeed is there and to look realistically unto the world and not let us be led by prejudices and panic.
This media spread panic somewhen was so severe that Ernst Michalek on 12th January posted on Twitter: „Did you ask yourself during the history lessons how in the 1930ies so much hate could be spread in so a short time? Now you can watch it live.”

Do we want a life in fear and panic?
No. I for myself don’t.
Do you want to be reigned by your fear or by your brain?

There is nobody to come at once round the corner and saying to us: “Everything will fall into place. Go soothed to sleep, tomorrow everything is healed.”
But we can do something for the things to get better.

How about these resolutions for the upcoming year:
At first, read the complete article and not only the headline before sharing it.
Inform yourself if the contents originate of a reliable source.
Keep clear of prejudices – the world is not only black and white.
Don’t spread panic.
Search for alternative sources.
Find little, exceptional projects.
Share your ideas and those of others to make this world a better place worth to live in it.
Sow little seeds to make the world more colourful and cheerful.
Spread hope.

No, we are not unconscious delivered to the troubles of our time.
We have the force.
We are the force.
We are the force that has a say in the future of our world, if it becomes more hopeful or more fearful, if it becomes better or worse.

It is your decision if your posts make this world better or worse – make use of it!


You’re welcome to share and reproduce this appeal.

Donnerstag, 31. Dezember 2015

Erinnerungen an At-Ta-ir - Episode 5: Wunder eines Augenblicks



Auf einmal spürte Said, wie tapsige kleine Kinderhände seine Fußknöchel berührten. Er öffnete die Augen und sah hinunter in die wachen und neugierigen Augen von Elvedins Kind, das sich nun an seinen Beinen hochzog bis er stehen konnte. Es musste aus dem Haus heraus zu ihm gekrabbelt sein.
Er strich ihm über den Kopf, und während er die seidenweichen Haare unter seinen Fingern spürte, staunte er darüber, wie es Kindern doch immer wieder gelang, ihn ins Hier und Jetzt zurückzuholen.
Der Kleine streckte seine kurzen Arme nach ihm aus und bettelte so lange, bis Said ihn hochnahm.
„Na, du kleiner Racker“, sagte er. „Wo bist du denn ausgebüchst?“
Aber statt einer Antwort schmiegte der Kleine seinen Kopf an Saids Brust, so dass Said gar nicht anders konnte als ihn mit seinen Armen zu umfangen. Er atmete den Geruch des Kindes tief ein und seufzte. Der Kleine hatte völlig recht. Das ganze Gegrübel über Vergangenheit und Zukunft war müßig, was zählte, war die Gegenwart. Er erinnerte ihn daran, dass er auch in At-Ta’ir gelernt hatte, dass es zwar wichtig war sich seiner Wurzeln bewusst zu sein, dass es aber galt den Augenblick bewusst wahrzunehmen und so den nächsten Schritt tun zu können.
So wie der Kleine in Kürze laufen lernen würde, so würde auch er lernen müssen ohne das Ziel zu leben, auf das er so lange hingearbeitet hatte – oder er würde lernen müssen es anders zu definieren. Er würde lernen müssen ein Krieger von At-Ta’ir  zu sein ohne jemandes Leibwächter sein zu können, denn ein Krieger war er, mit jeder Faser seines Körpers und seiner Seele – auch wenn er lernen musste, wie er trotz seiner körperlichen Einschränkungen ein Krieger sein konnte.

„Hier steckt ihr beiden also!“, polterte auf einmal eine Stimme hinter ihm.
Said wand sich um und sah Anwar im hell erleuchteten Hauseingang stehen, sie hatte beide Hände in die Hüften gestemmt und blickte verärgert drein.
„Ja, der kleine Racker hat mich gefunden und mir das ein oder andere beigebracht. Entschuldige bitte, wenn du dir unseretwegen Sorgen gemacht hast.“
Seine Entschuldigung nahm ihrem Ärger sogleich den Wind aus den Segeln und ihre Züge wurden weicher.
In diesem Moment tauchte Elvedin hinter ihr auf und hatte dabei einen Arm um seine Frau gelegt.
„Er hat dir etwas beigebracht?“
„Ja, er hat mich daran erinnert, dass sich das Leben nicht in der Vergangenheit abspielt, sondern im Hier und Jetzt und dass wir heute entscheiden, wie unser Leben morgen weiter verläuft. Mein Entschluss ist gefasst: Ich werde wieder nach At-Ta’ir gehen.“
Elvedin blickte verdutzt.
„Aber noch nicht sofort, oder willst du bei heraufziehender Nacht aufbrechen?“
„Nein, nein“, lachte Said, „heute bleibe ich noch bei euch. Wir müssen doch noch auf diesen kleinen Racker anstoßen, der die Welt noch so manches lehren wird.
Aber morgen, morgen werde ich aufbrechen.“

Memories to At-Ta'ir - Episode 5: Wonder of an Instant



At a stroke Said felt clumsy little child’s hands touching his ankles. He opened his eyes and looked downwards into the keen and inquisitive eyes of Elvedin’s child that now latched onto Said’s legs till he could stand. He must have crawled from inside the house to him.
He stroked over his head and while he felt the soft as silk hair under his fingers, he marvelled about how children succeeded again and again to fetch him back to the here and now.
The little one reached out his little arms to him and begged as long as Said lifted him up.
“Well, you little rascal”, he said. “Where did you escape from?”
But instead of an answer the little one nestled up to Said’s breast, so that Said couldn’t help, he had to embrace him with his arms. He deeply breathed in the smell of the child and groaned. The little one was really right. All the worrying about yesterday and tomorrow was pointless. He remembered him that he once learned in At-Ta’ir, too, that it was important to remember his roots, but to perceive in awareness the moment and being so able to do the next step.
As well as the little one would find his feet within a short time, so would he have to learn to live without the target he was aiming at – or he would have to learn to define it otherwise. He would have to learn to be a warrior of At-Ta’ir without being the bodyguard of somebody, because a warrior he was, with every fibre of his body and his soul – even if he had to learn how to be a warrior in spite of his physical restrictions.

“Here are you two!” a voice suddenly rumbled behind him.
Said turned round and saw Anwar standing in the well-lit house entrance, the arms akimbo and scowling.
“Yes, the little rascal found me and taught me the one or the other. I’m sorry that you were worried because of us.”
His apology immediately took the wind out of her sails and her facial features became softer.
In this very moment Elvedin emerged behind her, having put his arm around his wife.
“He taught you something?”
“Yes, he reminded me that life doesn’t take place in the past, but in the here and now and that we decide today how our life will proceed tomorrow. My decision is taken: I will go back to At-Ta’ir.”
Elvedin looked startled.
“But not immediately, or do you want to leave with approaching night?”
“No, no”, Said laughed. “Today I’ll stay with you. We have yet to drink a toast to this little rascal who will teach the world still a many good things.
But tomorrow, tomorrow I will leave.”

Freitag, 25. Dezember 2015

Erinnerungen an At-Ta'ir - Episode 4: Vor den Türen des Himmels



Als Elvedin und Anwar noch mit den Feinarbeiten der Käserei beschäftigt waren, setzte sich Said wieder vor das Haus. Er mochte diesen wundervollen Ausblick einfach. Weil es gegen Abend jetzt doch recht kühl wurde, hatte er sich eine Decke um die Schultern gelegt und sah zu, wie die Sonne zwischen zwei Berggipfeln versank.
Das Gespräch mit Elvedin hatte ihn zum Nachdenken gebracht. Ja, in At-Ta’ir lagen seine Wurzeln, aber vieles davon war über die Jahre in den Hintergrund getreten, manches hatte er sogar für eine gewisse Zeit vergessen. Die alltägliche, die meditative, die körperliche, die handwerkliche, die künstlerische und die geistige Ausbildung bildeten eine Einheit – in den Jahren, in denen er Fouads Leibwächter gewesen war, stand der körperliche Aspekt im Vordergrund, auch wenn er regelmäßig meditierte, um sich die Schärfe seiner Sinne zu erhalten.
Said erinnerte sich, dass es neben diesen sechs Ausbildungsteilen eigentlich noch einen siebten gegeben hatte: Die Abschlussprüfung. Dieser siebte Teil begann damit, dass seine Lehrmeister seine Ausbildung für beendet erklärten und ihm die Haare schnitten. Es war kein Radikalschnitt, er sollte ja seine erweiterten Sinne nicht wieder verlieren, aber seine Haare waren nach den langen Jahren ohne Haarschnitt wirklich verzottelt und wurden nun wieder in Form gebracht. Danach wurde er gebadet, in neue Gewänder gekleidet und an einen geheimen Ort außerhalb von At-Ta’ir gebracht. Dort geleitete man ihn zunächst in einen hellen Raum mit weitem Ausblick auf die Berge, wo er sich bei einer Tasse Tee auf die vor ihm liegenden Aufgaben vorbereiten konnte, obwohl er gar nicht so genau wusste, was ihn dort erwartete – er wusste nur, dass seine Fähigkeiten geprüft werden sollten.
Eine der Prüfungen, an die er sich mit am liebsten erinnerte, war die im Wolkenpalast – oder jedenfalls nannte er in seinen Gedanken so. Der Wolkenpalast war ein Gebäude weit oben in den Bergen, beim Aufstieg sah es so aus, als sei er von Wolken umrahmt. Direkt hinter dem Eingangstor kam man in einen überdachten Kreuzgang, der um einen weiträumigen, nach oben offenen Innenhof verlief. Kaum hatte er diesen Anblick wahrgenommen, verband man ihm die Augen und reichte ihm wortlos sein Schwert. Die Helfer entfernten sich, nun war er ganz auf sich allein gestellt. Er tastete sich vorsichtig nach vorne und versuchte sich im Geist genau vorzustellen, an welcher Stelle des Kreuzgangs er sich gerade befand. Irgendwann hatte er den Durchgang in den Innenhof gefunden und trat hinaus. Nachdem er ein paar Schritte gegangen war, zischte etwas durch die Luft. Er erhob sein Schwert und wollte schon nach dem ausholen, was da auf ihn zuflog, doch er hielt wieder inne – das war nur ein Vogel, wenn er den Flügelschlag und sein Gewicht richtig interpretierte, war es ein Falke.
Er ging weiter über das steinige Gelände und nahm als nächstes einen Duft wahr, den er nicht kannte – lieblich, süßlich, irgendwie blumig und eindeutig verlockend. Als er sich dem Duft näherte, hörte er Schritte, die sich entfernten. Er folgte ihnen, er wollte den Duft unbedingt erreichen! Auf einmal hörte er nichts mehr, aber er nahm den Duft sehr stark wahr, er musste ihn fast erreicht haben. Da hörte er jemanden atmen, und dann griff der Duft ihn an. Er war zunächst etwas verwirrt, doch dann lächelte er: Der Duft war keine rätselhafte Wolke, die vor ihm her zog, sondern er gehörte zu einer Person; wenn er raten müsste, würde er sagen, er gehörte zu einer Frau – kein Mann, den er kannte, bewegte er so leichtfüßig. Als er das erkannt hatte, fiel es ihm auch nicht schwer, den Kampf gegen seine Gegnerin zu meistern. Sie verlangte ihm einiges ab, sie war wahrlich eine Meisterin ihres Faches, aber er achtete darauf, sie nicht zu verletzen. So ein wunderbarer Duft konnte nur zu einer wunderbaren Person gehören, und dieser wollte er nicht schaden. Irgendwann zog sie sich zurück und er war wieder alleine.
Er ging weiter, und nach einer Weile hatte er den Eindruck heiligen Boden zu betreten. Er legte sein Schwert und seine Schuhe ab und ging ehrfurchtsvoll weiter. Es wurde immer stiller um ihn herum, und diese Stille senkte sich auch in sein Inneres hinein. Als er den Eindruck hatte am Ort der größten Intimität angekommen zu sein, kniete er nieder. Er spürte kalte Steinplatten unter seinen Beinen und den Rand eines Beckens direkt vor sich. Er tauchte seine Hände hinein und schnupperte an der Flüssigkeit. Sie roch gleichzeitig nach nichts und nach allem. Er lächelte. Das war Wasser! Er tauchte seine Hände abermals hinein, dankte still dem Schöpfer und trank von der Flüssigkeit. Sie schmeckte so klar und frisch wie ein junger Morgen. Und sie schien gleichzeitig die Weisheit aller Weltalter zu enthalten.
Da wurde ihm seine Augenbinde von einer Erscheinung, an die er sich später als Engel erinnerte, abgenommen. Dieser sprach zu ihm:
„Said, du hast es geschafft. Du hast dich auf diese Prüfungen gut vorbereitet, und du hast sie gemeistert. Du hast deinen Sinnen vertraut und sie gut genutzt. Du hast wertvolles Leben von bedrohlicher Gefahr unterscheiden können und das Leben geschützt. Du hast dich einer verführerischen Erscheinung gestellt, dich aber nicht so weit ablenken lassen, dass du deinen eigenen Weg verloren oder dich selbst in Gefahr begeben hättest. Und du hast die Energie des heiligen Ortes erkannt und dich dort respektvoll verhalten – und am Ende hast du die Quelle des Lebens gefunden.“
Said schwieg, denn ihm war, als würde gerade etwas ganz besonderes mit ihm geschehen. Und in der Tat, er erinnerte sich einerseits an den Weg, den er bisher gegangen war, an die einzelnen Schritte seiner Ausbildung, an deren Ende er sich jetzt befand. Und andererseits schien sich nun in seinem Inneren ein neuer Weg aufzutun.
Der Engel sprach: „Deine Ausbildung war lange und gründlich, du hast vieles gelernt und bist mit der Ausbildung zum Mann gereift. Nun ist sie zu Ende und du musst entscheiden, wohin dich dein Weg weiter führt. Wenn es dein Wille ist, dann sprich mir die folgenden Worte nach:
Ich gelobe, dass ich als Krieger von At-Ta’ir nicht dem Krieg und der Zerstörung, sondern dem Leben dienen will. Ich will jedes beseelte Lebewesen achten, das meinen Weg kreuzt, und werde sein Leben schützen. Ich werde meine Fähigkeiten nur dann einsetzen um zu töten, wenn mein Leben oder das eines mir anvertrauten Wesens bedroht ist oder ich das Fleisch eines Tieres dringend zur Ernährung brauche. Ich werde immer die Wahrheit sprechen oder schweigen, wie groß die Gefahr, in der ich stehe, auch sein mag. Ich gelobe, dass ich dem Herrn gegenüber, der meine Dienste in Anspruch nimmt, loyal sein werde und ihm verpflichtet bin bis zu meinem oder seinem Tod. Ich werde sein Leben und seinen Ruf schützen, wenn nötig durch mein eigenes Leben.“
Said hörte sich die Worte des Eides sprechen, dann schlug ihn der Engel mit einem Schwert aus Licht zum Krieger von At-Ta’ir.
Hernach schwiegen beide lange Zeit still.


Memories to At-Ta'ir - Episode 4: In front of the Doors of Heaven



As Elvedin and Anwar still were engaged with the finishing touch of cheese making, Said took again place in front of the house. He simply loved that wonderful view. And because it became now chilly towards evening he put a blanket round his shoulders and watched the sun sinking between two mountain peaks.
The talk with Elvedin was really thought-provoking for him. Yes, his roots laid in At-Ta’ir, but a lot of it took a back seat over the years, in fact he forgot some of it for a time. The everyday, the meditative, the physical, the artisanal, the artistic and the mental training built a unity – in the years of being Fouad’s bodyguard the physical aspect had priority, although he was meditating regularly to retain the acuity of his senses.
Said remembered that, strictly speaking, in addition to these six parts of training there has been a seventh one: The final exam. This seventh part began with his teachers declaring his training completed and cutting his hair. That was not a radical cut because he shouldn’t loose his extended senses, but after these long years without a cut his hair was really shaggy and now was brought back into shape. Then he was bathed, clothed into new garments and brought to a secret place beyond the bounds of At-Ta’ir. There he was at first conducted to a bright room with a wide view to the mountains where he could prepare himself to the awaiting challenges with a cup of tea, even if he didn’t know concretely what to expect there – he only knew that his abilities should be tested.
One of the tests he loved to remember was that one in the palace of clouds – or at least he called it so in his mind. The palace of clouds was a building way up in the mountains, while ascending it looked like it was framed by clouds. Immediately afterwards the entrance gate he reached a roofed cloister that ran around an upwardly open patio. He barely experienced this view as he got blindfolded and silently handed his sword. The assistants sheered off, now he was completely on his own. He carefully groped his way and tried to imagine the exact position of the cloister he was actually located. Eventually he found the passage to the patio and debouched. After having done a few steps something whizzed through the air. He raised his sword and already wanted to wind up to whatever was flying to him, but he stopped the movement – that was only a bird, if he interpreted the wing beat and its weight correctly it was a hawk.
He kept going over the stony area and next perceived a scent he didn’t know – lovely, sweet, somehow flowery and obviously seductive. As he approached to the scent he heard departing steps. He followed them; by all means he wanted to reach the scent! At a stroke he heard nothing, but he perceived the scent very strongly, he must almost have reached it. Then he heard someone breathe, and next the scent attacked him. At first he was a bit distracted, but then he smiled: The scent was not a mysterious cloud which racked in front of him but belonged to a person; if he had to guess he’d say it belonged to a woman – no man he knew moved so light-footed. After having discovered this it was not hard for him to master the fight against his opponent. She demanded a lot from him, she was a real master of her subject, but he made sure not to injure her. Such a wonderful scent could only belong to a wonderful person, and that one he wouldn’t harm. Anytime she pulled back and he was alone again.
He proceeded, and a little later he had the impression to step onto holy ground. He doffed his sword and his shoes and kept going reverently. It became more and more silent around him, and this silence dipped deeper and deeper into his interior. As he got the impression that he had reached the most intimate place he kneeled down. He felt the cold flagstones under his legs and the edge of a basin straight in front of him. He immersed his hands into it and snuffled at the liquid. He smiled. It was water! He immersed his hands once again into it, thanked the creator silently and drank from the liquid. It tasted so clear and fresh like a young morning. And at the same time it seemed to hold the wisdom of all aeons.
Then his blindfold was moved off from an appearance to which he recollected later as an angel. This one spoke to him:
“Said, you made it. You prepared well to the tests, and you mastered it. You trusted in your senses and utilised them well. You could distinguish valuable life from threatening peril and protected the life. You faced a seductive appearance but hadn’t been distracted so much from it that you had lost your own way or put yourself in danger. And you detected the energy of the holy place and behaved there respectfully – and finally you found the source of life.”
Said kept quiet, he felt something special was happening to him. And in fact he remembered the way he had gone to this moment, the single steps of his training at whose end he stood now. And on the other hand there seemed to open up a new way before him.
The angel said: “Your training was long and thorough, you learned a lot and matured with it to a man. Now it has ended and you have to decide where your way will lead you now. If it is your will, repeat the following words:
I vow that I as a warrior of At-Ta’ir will not serve to war and destruction, but to life. I will regard every soulful being that crosses my path and protect its life. I will use my abilities only then to kill if my life or the life of a being that is entrusted to my care is threatened or when I urgently need the meat of an animal to nurture myself. I will always speak the truth or keep silent, no matter how big the peril is in which I stand. I vow that I will stay loyal to the lord who engages me and that I am in his debt until his or my dead. I will protect his life and his reputation, if necessary with my own life.”
Said heard himself speak the words of the vow, and then the angel conferred him a warrior of At-Ta’ir with a sword of light.
Hereafter the both of them kept silent for a long time.


Sonntag, 13. Dezember 2015

Erinnerungen an At-Ta'ir - Episode 3: Sich ergänzende Wege



Als die beiden Männer aus dem Ziegenstall zurückkehrten sagte Elvedin: „Said, du hast mir von der bewussten Wahrnehmung des Alltags und von deiner Meditationsausbildung erzählt. Umfasste deine Ausbildung – abgesehen vom Kampftraining – noch weitere Bereiche?“
„Oh ja, wir wurden in vielen Bereichen ausgebildet. Außer den Bereichen, die du schon genannt hast, war da zum Beispiel noch der handwerkliche Bereich. Jeder von uns musste mindestens ein Handwerk meistern und in den anderen Handwerken Grundfertigkeiten erlernen, wir sollten so selbständig wie möglich sein können.“
„Und welches ist dein Handwerk?“
„Ich habe die Schreinerei gewählt – oder sie hat mich gewählt, sie das wie du willst.“
„Du bist Schreiner?“
„Ja. Ich liebe den Holzgeruch, das Gefühl, wenn sich die Oberfläche des Holzes unter meinem Hobel und meinen Händen glättet, oder wenn ich nach und nach aus dem Holz das herausarbeite, was unter seiner Oberfläche verborgen liegt. Außerdem mag ich es wie unterschiedlich die verschiedenen Holzarten sind. Das Holz der Eiche benutze ich gerne für Dinge, die von langer Dauer und großer Stabilität sein müssen, Apfelholz für Schnitzereien.“
„Stimmt, Bäume können ganz unterschiedlich sein. Ich habe festgestellt, dass ich mich in der Nähe von Eichen ganz besonders wohl fühle.“
„Ja, das geht mir auch so. Deshalb ist mein Stab auch aus Eichenholz, so kann ich immer ein Stück meines Lieblingsbaumes an meiner Seite haben.“
„Das ist toll! Und welche Bereiche umfasste deine Ausbildung noch?“
„Da war zum einen noch das Erlernen einer Kunst. Ich habe die Musik gewählt und mir meine Flöte selbst geschnitzt, so wie sich jeder meiner Kollegen sein Instrument selbst fertigte. Ich finde es faszinierend, wie Musik Seelen berühren kann – die des Spielenden genauso wie die der Zuhörer – und wie sie mehr ausdrücken und in tiefere Bereiche vorzudringen vermag als das Worten je möglich wäre.“
„Das ist wahr. Es kommt immer wieder vor, dass wir unser Kind mit Worten kaum beruhigen können, aber wenn Anwar ihm ein Lied singt, ist alles gleich viel besser.“
„Ja, ich liebe die Wirkung, die Musik auf viele Menschen hat. Nun, als weiteren Bereich gab es dann noch unsere geistige Ausbildung.“
„Fand sie in der Bibliothek statt? Und ist sie tatsächlich so riesig wie man sagt?“
„Oh ja, eine größere habe ich nie gesehen. Gott sei Dank waren der Bibliothekar Rasim und seine Frau Kamila meistens da, ich habe mich das ein oder andere Mal in der Bibliothek verlaufen und hätte ohne ihre Hilfe nur schwer wieder herausgefunden. Und, ja, ein guter Teil der geistigen Ausbildung fand bei den beiden in der Bibliothek statt.“
„Auch bei Kamila? Ich dachte das wäre eine Schule für Jungen gewesen?“
„Das schon, aber das heißt nicht, dass wir keine Lehrerinnen gehabt hätten. Manche unserer Meister waren weiblich, und das war auch gut so. Wir sollten zwar nicht allzu sehr vom weiblichen Geschlecht abgelenkt werden – das galt insbesondere für gleichaltrige Mädchen – aber auch nicht so weltfremd aufwachsen, dass wir nicht wissen, wie man sich einer Frau gegenüber verhält. Und manche unserer Meisterinnen waren wirklich brillant, insbesondere Meisterin Kamila – sie war auch außerhalb von At-Ta’ir eine angesehene Gelehrte.“
„Was war ihr Spezialgebiet? Und was hat dich an ihr besonders beeindruckt?“
„Ich bin mir nicht sicher, ob Meisterin Kamila überhaupt ein Spezialgebiet hatte, sie interessierte sich für so viele Dinge! Was mich an ihr beeindruckt hat war sicher ihre Vielseitigkeit, aber auch ihre Fähigkeit, ihre Aufmerksamkeit voll und ganz auf ein bestimmtes Ziel zu lenken. Wenn sie sich für etwas interessiert hat, war sie nicht zufrieden, bevor sie auf ihre Frage eine Antwort gefunden hatte. Sie hat mich viel über die Kultur unserer Vorfahren gelehrt, ihre Art zu denken, Dinge zu erfinden, Gebäude zu errichten und ihr Wissen in Geschichten, Kunst und Schriften weiterzugeben. Sie hat mir uns aber auch Exkursionen ins Umland gemacht und uns viel über Heilpflanzen und ihre Anwendungen beigebracht.“ Said lachte. „Ich glaube, es gibt keine Pflanze, über die sie nichts wusste. Und in klaren Nächten ist sie auf das flache Dach der Bibliothek hinaufgestiegen und hat dort oben die Sterne mit ihrem Teleskop beobachtet. Meister Rasim hat ihr dort sogar eine Hütte mit aufklappbarem Dach gebaut – dort oben konnte es des Nachts ziemlich zugig werden.“
„Wie ist er nur mit einer so wissensdurstigen Frau klargekommen?“
„Oh, ich finde, die beiden hatten einen guten Weg gefunden ihre Beziehung zu leben. Beide hat die Liebe zu Büchern verbunden, der Drang, die Wirklichkeit zu verstehen, denn wissensdurstig waren sie in der Tat beide. Aber während Meisterin Kamila immer tiefer in die Materie eindringen und mehr wissen wollte, war für Meister Rasim der Ausdruck am wichtigsten; er war ein hervorragender Buchmaler und Poet. Es gab durchaus Zeiten, in denen sie einander wochenlang kaum sahen, wenn jeder in seine Leidenschaft vertieft war, aber bei all ihrer Verschiedenheit waren sie durch ihre Gemeinsamkeiten, ihre Liebe und ihren Respekt füreinander verbunden und unterstützten einander sehr. Auch ihre Art zu unterrichten war sehr unterschiedlich. Meisterin Kamila war die Extrovertiertere der beiden, sie war spontaner und gestikulierte beim Erzählen viel, man merkte ihr an, dass sie in voll ihrem Element war. Im Gegensatz zu Meisterin Kamila, die gerne auch größere Gruppen unterrichtete, konzentrierte sich Meister Rasim meist auf einige wenige Schüler. Er war ruhiger als sie und wich nur äußerst selten von einem Plan ab, den er einmal gefasst hatte.“
„Und welcher der beiden war besser?“ 
„Ich könnte nicht sagen, wer von ihnen besser war, sie waren einfach sehr unterschiedlich. Ich würde eher sagen, dass sie sich ergänzten und gemeinsam eine Einheit bildeten. Ohne einen der beiden hätte wirklich etwas gefehlt.“
In diesem Moment kam Anwar um die Ecke.
„Ich will die hohen Herren ja nicht bei ihren wichtigen Gesprächen stören, aber wollt ihr nicht langsam einmal hereinkommen? Sonst friert euch später noch die Milch an den Fingern fest und ich muss den Käse alleine machen.“
Die beiden Männer brachen in schallendes Gelächter aus; es war in der Tat recht frisch geworden.
„Siehst du, Said“, sagte Elvedin unter Lachen, während er seinen Arm um Anwar legte, „auch meine andere Hälfte ergänzt mich gut und achtet darauf, dass unsere Einheit nicht auseinanderfällt.“
Said schmunzelte und folgte den beiden Turteltäubchen ins Haus.